Scott Hamilton
"In the Still of the Night"
TEXT: Heinz Schlinknert | FOTO: Stefan Schrag
Scott Hamilton aus New York blickt inzwischen auf eine 50jährige Bühnenkarriere zurück. Und noch immer ist er in der ganzen Welt unterwegs, auch in NRW; wo er oft mit
Chris Hopkins
aufgetreten ist, z. B. im Bochumer Musikforum und beim Zeltfestival Ruhr. Im Mai kommt sein neues Album ‘In The Still Of The Night’ heraus, in dem vergessene bzw unbekannte Kompositionen bekannter Komponisten zu hören sind.
Die Musiker seines Quintetts sind in Deutschland kaum bekannt, doch mit ihnen hat Scott schon seit 30 Jahren zusammen gespielt: Bernhard Pichl (Piano), Rudi Engel (Bass) und Michael Keul (Schlagzeug). Diese gehören zu Scotts klassischem Quartett, diesmal ist als fünfter Mann auch der Vibraphonist Tizian Jost dabei.
Unbekannte Kompositionen bekannter Komponisten der Jazzgeschichte
Das Album beginnt mit einem von Piano und Drums eingeleiteten Intro zu ‘The Prophet Speaks’. Sicher kein Zufall, denn das Stück wurde von dem berühmten Vibraphonisten Milt Jackson komponiert und vom Vibraphon wird noch allerhand zu hören sein.
Jackson ist nur einer der berühmten Komponisten, da darf Cole Porter nicht fehlen. Sein ‘In The Still Of The Night’ hat Scotts Album den Namen gegeben. Das Stück von 1937 wurde zuerst vom Tommy Dorsey Orchestra gespielt. Scott übernimmt nun den Part des berühmten Posaunisten, doch er macht etwas ganz anderes daraus. Er spielt viel rhythmischer und erinnert hier manchmal an die heitere Spielweise Sonny Rollins’.
‘Django’ von John Lewis ist ein Stück berühmntes Stück der Jazzgeschichte. Nicht nur weil es 1954 zu Ehren von Django Reinhardt komponiert wurde, John Lewis war auch Pianist des Modern Jazz Quartet. Es beginnt mit einem klangvollen vibes Intro und bietet über 9 min vor allem dem Pianisten Bernhard Pichl und dem Bassisten Rudi Engel, die sonst nicht so zum Zuge kommen, reichlich Gelegenheit für ein ausführliches Solo.
Vincent Youmans’ ‘Time On My Hands’ ist ein Schlager von 1930. Viele haben ihn gespielt, z. B. Django Reinhardt, Stan Getz und Billie Holidqay, sogar Ringo Starr hat ihn mal gesungen. Scotts Version kommt der von Stan Getz am nächsten.
‘The World Awakes’ ist schon etwas Besonderes, 1959 hat es der weithin unbekannte Tenorsaxofonist Lucky Thompson komponiert, der auch TenorSax spielte. ‘Angel Face’ von Hank Jones 1947 ist Scott geradewegs auf den Leib geschrieben. Es war Coleman Hawkins, der es zuerst mit seinem Orchestra gespielt hat. Scott kommt auch hier einem seiner großen Vorgänger sehr nahe, das Stück bekommt darüber hinaus durch das durchgängige Spiel des Vibraphons eine viel heiterere Klangfarbe.
‘Why Don’t I’ hat Sonny Rollins 1957 komponiert und dessen Spiel auf dem TenorSax ist nicht weit von Scotts Interpretation entfernt, wohl auch weil Rollins erst später seinen für ihn typischen heiteren Stil entwickelte.
Mal Waldrons ‚Soul Eyes‘ (1957) hat John Coltrane 1962 mit seinem Quartett gespielt. Scott muss wohl diese Version für sein Album im Kopf gehabt haben.
‘If There Is Someone Lovelier Than You’ stammt aus einem Musical von Howard/Schwartz 1934. Es überrascht kaum, dass auch Coltrane es 1958 gespielt hat, denn das ist wieder eine Vorlage für Scott, der mit diesem Stück – diesmal ganz ohne Vibraphon – das Album abschließt.
Symbiose im Bereich des Mainstream Jazz
Es ist wirklich erstaunlich, wie vielfältig und virtuos Scott Hamilton spielt und dabei die Traditionen der TenorSax-Jazzgeschichte in sich vereint. Sei es Coleman Hawkins, Ben Webster, Lester Young, Stan Getz, Sonny Rollins, Lucky Thompson oder John Coltrane, Scott kennt sie alle. Er macht daraus nicht einen Mischmasch, sondern er schafft eine Symbiose im Bereich des Mainstream Jazz, die trotz hoher Qualität recht eingängig ist auch Freunde außerhalb des regulären Jazzpubllikums finden könnte.
Beim neuen Album kommt hinzu, dass sich der volle Sound des Saxofons ideal mit dem klangvollen Spiel des Vibraphonisten ergänzen.
Scott Hamilton – In The Still Of The Night
Edition Collage EC628 CD / LC08975 / 4014063162823
Digitalvertrieb: Kontor New Media GmbH
Physischer Vertrieb: Edel Music & Entertainment GmbH
VÖ: 08.05.2026



