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Kai Schumacher

TRANCEFORMER

Duisburg, 26.11.2023
TEXT: Heinrich Brinkmöller-Becker | 

Mit zwei Tönen, mit einem beharrlich gespielten Quinten-Motiv, zu dem sich allmählich andere Töne und Akkorde gruppieren, beginnt das neue Album ‚TRANCEFORMER‘ des Duisburger Pianisten, Komponisten und Arrangeurs Kai Schumacher. Der Opener ‚Processional‘ markiert bereits einen gänzlich anderen Ansatz als die letzte Veröffentlichung mit Schubert-Liedern mit Singer-Songwriter Gisbert zu Knyphausen und einem Kammerensemble („Lass irre Hunde heulen“). Der Album-Titel gibt neben dem ersten akustischen Eindruck einen Aufschluss über die programmatische Ausrichtung des Soloalbums: Den sechs Stücken gemeinsam ist das Prinzip, mit repetitiven kleinen Mustern und Strukturen zu arbeiten, die sich unmerklich verändern, die im Bass oder Diskant mit Akkorden und melodischen Ansätzen angereichert, in Tonhöhe und Tongeschlecht verschoben, eben transformiert werden. Diesem Muster folgen auch ‚Static‘ und ‚Scapes_Spaces‘ – bei letzterem Titel wird die spacige, nahezu pathetische Anmutung durch etwas flächige Elektronik-Sounds und Stimmen-Samples von Moritz Fasbender verstärkt.

Zwischen diesen drei eher statisch-langsam gespielten Stücken mischt Kai Schumacher solche mit ganz anderem Temperament: ‚Drift‘ hat einen Turbo-Drive. Unterstützt durch das Schlagzeug von Philo Tsoungui hämmert der Pianist die ostinaten Muster durch verschiedene Tonhöhen. In ähnlich stupendem Tempo agiert ‚Continuum‘, das minimal music in Uhrwerk-Präzision bis an die Grenze des Erträglichen durchexerziert. Ja, das repetitive Motiv wird ständig moduliert, kräftige Akkordblöcke verleihen dem Stück etwas Wuchtig-Pathetisches. Ähnlich auch der letzte Titel ‚Tranceformer‘, bei dem mit Francesco Tristano eine weitere Piano-Stimme dazukommt. Die vier Pianisten-Hände kreieren auf der Basis eines konsequent durchgespielten Patterns einen kraftvollen, tänzerischen Dialog mit raffinierten polyphonen Schichtungen.

Hypnotisch-tranceartige Wirkung durch repetitives Spiel

Magisch wirken alle sechs Albumtitel. Kai Schumacher erreicht bei beiden Spielmodi durch das Prinzip Wiederholung eine hochkonzentrierte suggestive Kraft. Bei aller taktgenauen Hyper-Präzision zeigt seine Musik die Kunst der Verwandlung, wenn repetitive Strukturen sich unmerklich verändern, Pattern zu neuen klanglichen Schichten transformieren, ja, die unbeirrt durchgespielten melodischen und rhythmischen Skizzen beim Zuhören tranceartige Zustände erzeugen. Die hypnotische Wirkung der Musik verstärkt sich noch durch Kai Schumachers nüchternes, direktes Spiel, das auf technische Effekthuberei verzichtet und damit umso mehr Strahlkraft entwickelt.

Mit ‚Tranceformer‘ knüpft der Pianist an das fesselnde Moers-Konzert zu Julius Eastman vor drei Jahren an. Das Quartett mit vier Flügeln mit Patricia Martin, Mirela Zhulali und Benedikt ter Braak -  in einem Live-Mitschnitt festgehalten (s. nrwjazz-Rezension)  – überzeugte mit einem wunderbaren Spiel mit ostinatem Puls und variantenreicher Modulation. Auch sein aktuelles Soloalbum begeistert in diesem Sinne.

Am 02.12.2023 um 22:00 Uhr ist Kai Schumacher in einem Solokonzert in der Rudolf-Oetker-Halle in Bielefeld zu erleben.

 Kai Schumacher: Tranceformer. Neue Meister/Edel Music Hamburg. 2023

 www.neue-meister-music.com

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