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Bill Frisell

In my dreams

New York, 27.02.2026

Es gibt Musiker, deren bloße Anwesenheit einen Raum verändert. Bill Frisell gehört seit Jahrzehnten zu ihnen. Doch was passiert, wenn sechs solcher Menschen zusammenkommen, die einander seit Ewigkeiten verbunden sind – und dennoch in genau dieser Kombination Neuland betreten? „In My Dreams" gibt darauf eine Antwort, die so schlicht wie überwältigend ausfällt.

Zu seinem 75. Geburtstag hat der Gitarrist zwei musikalische Lebensstränge zusammengeführt. Da wäre zum einen das Trio mit dem phänomenalen Bassisten Thomas Morgan und dem Schlagzeuger Rudy Royston, das seit „When You Wish Upon A Star" eine geradezu telepathische Verbindung pflegt. Zum anderen die drei Streicher Jenny ScheinmanEyvind Kang und Hank Roberts. Die drei geben seit Jahren Bill Frisell eine Stimme für alles, was zwischen Kammermusik und Improvisation liegt. 

Im Trio hat der US-Gitarrist kürzlich zwei intensive Konzerte in Köln und Dortmund gespielt (nrwjazz berichtete). Und auch auf diesem aktuellen Alben in erweiterter Besetzung geht es sofort tief hinein. Vom ersten Takt an versinkt man in weicher Schwere. Ein wiegender Dreiertakt trägt die Musik, harmonisch reich durchtränkte Texturen breiten sich aus wie etwas, das schon immer da war und nur darauf gewartet hat, gehört zu werden. Diese Musik holt einen ab und nimmt einen mit – ohne Umwege, ohne Erklärung. Es ist eine Ästhetik starker Kontraste. Vor allem dort, wo Frisells Gitarre solistisch „spricht", in diesem unnachahmlichen Timbre, das kein anderer Gitarrist auf der Welt so hinbekommt – da lebt dieses gleichzeitig Fragile und Bestimmte, als würde jemand flüstern und trotzdem den ganzen Raum füllen. Hinzu kommen Momente, in denen diese herrlichen Vintage-Streicher hinzutreten und auf nostalgische Tuchfühlung gehen: Etwa, wenn sie sich Geige, Bratsche und Cello um Frisells gedehnte Linien schmiegen und wie Morgan darunter einen Boden legt, der gleichzeitig fest und federnd ist. Oder wie die Ellington/Strayhorn-Komposition „Isfahan" hier zu einer Meditation über Schönheit wird, in der jede Note ihren Platz kennt, ohne dass je irgendetwas kalkuliert wirken würde. Das ist die hohe Kunst des Weglassens, die Frisell seit Jahrzehnten perfektioniert – nur dass sie hier, im Dialog mit fünf Gleichgesinnten, in neue Tiefendimensionen vorstößt.

Stephen Fosters „Hard Times" und das traditionelle „Home On The Range" stehen hier neben Frisell-Originalen wie dem zärtlich-elegischen „Curtis (A Year And A Day)" oder dem fragenden „Why?", und es ist bezeichnend, dass die Grenzen zwischen Eigenem und Angeeignetem vollständig verschwimmen. Frisell hat schon immer eine ganz eigene Version von Amerika geträumt – weiter, offener, ja viel zärtlicher als die schnöde Realität. Auf „In My Dreams" wird dieser Traum zum Sextett-Klang, und er war selten so berührend wie hier.

Was dieses Album letztlich so besonders macht, lässt sich schwer in Worte fassen. Es ist vielleicht das Vertrauen, das aus jeder Phrase spricht – das Vertrauen von Menschen, die wissen, dass der andere schon das Richtige spielen wird. Dass Stille genauso viel sagt wie ein Ton. Dass Musik nicht lauter werden muss, um größer zu werden. Bill Frisell wird 75, und er klingt so wach, so neugierig, so gegenwärtig wie eh und je. Vielleicht sogar mehr.

Bill Frisell: In My Dreams. Blue Note. Thomas Morgan (Bass), Rudy Royston (Drums), Jenny Scheinman (Violine), Eyvind Kang (Viola), Hank Roberts (Cello). Produziert von Lee Townsend.

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