Von Barcelona nach Recklinghausen
Ketekalles rockte die Ruhrfestspiele
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Alina von Zittwitz
Ein besseres Potenzial, das Eis zu brechen, kann man kaum einer Band attestieren. Anderthalb Stunden lang rissen Ketekalles im Kassiopeia-Saal die Grenzen zwischen Kulturen, Generationen und Sitzreihen ein – mühelos. Unter dem Motto „Erschrecken und Erstaunen" erinnern die Ruhrfestspiele 2026 an den legendären Kohletausch vor 80 Jahren und setzen auf Kunst, die Menschen über alle Grenzen hinweg verbindet. 600 Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt, 80 Produktionen, 220 Veranstaltungen – und mittendrin ein Konzert, das diesen Geist der Solidarität und Begegnung auf seine ureigenste Weise verkörperte.
Zunächst Respekt an die Crew der Ruhrfestspiele! Das Konzert musste kurzfristig vom Festspielzelt in den Kassiopeia-Saal verlegt werden. Elektrische Instrumente, gleich zwei Drum- und Percussion-Sets in der offenen Akustik eines Kammermusiksaals so abzumischen, dass es stimmig klingt und nicht breiig wird – das kann einen stundenlangen Soundcheck verschlingen. Dass hier alles auf Anhieb saß, ist allein schon eine Bravourleistung. Ketekalles, das sind Sängerin Andrea Isabelina, Gitarristin Ana Toledo Civico „La Tole", Perkussionistin Camila López, Bassistin Nadia Lago Sáez und Schlagzeugerin Mar Castells – 2016 in Barcelona gegründet, mit Wurzeln in Chile, Argentinien, Venezuela und Spanien. Die fünf legen sofort los, und die enorme Direktheit dieser Musik duldet keinen Widerstand. Die Energie im Raum trägt von Beginn an warme Farben. Cajón, Tablas und Drumkit verzahnen sich zu einem kraftvollen, urbanen Beat, über dem Andrea Isabelina ihre Stimme entfesselt: rau, dann zart, kämpferisch und verletzlich, oft im selben Song. Dazu eine Bühnenperformance, die zwischen Flamenco-Grazie, Hiphop-Attitüde und Stadionrock keine Sekunde stillsteht. Und alle anderen ziehen mit – den Musikerinnen steht die meiste Zeit ein Lächeln im Gesicht, das ansteckender wirkt als jeder Refrain.
Songs, die aus tiefstem Herzen kommen
Dabei sind das Songs, die aus dem tiefsten Herzen kommen. In ihrer Heimat sind Ketekalles längst Sprachrohr einer Generation, mit Millionen-Streams, zwei Alben – „Remendar el Caos" (2020) und „Antiheroína" (2023) – und ausverkauften Touren durch Europa und Lateinamerika. Ihre Texte verhandeln Migration, machistische Gewalt, Kapitalismus und weibliche Selbstbestimmung. Die Gefühlsskala reicht von Sehnsucht über Stolz bis zu absoluter Lebensfreude. An diesem Abend war dieses geballte Lebensgefühl unmittelbar spürbar – auch ohne dass man jedes spanische Wort verstand. Man wünscht sich, mehr davon zu begreifen – oder nimmt den Abend als Appell, die eigenen Spanischkenntnisse aufzufrischen oder einfach mal diese schöne Sprache zu erlernen.
Im letzten Viertel des Konzerts dann, ausgehend von einer jungen Dame im roten Kleid in der ersten Reihe, wurde zunehmend im Vorbereich der Bühne getanzt. Wer die Augen schloss, fühlte sich hineinversetzt in eine heiße Open-Air-Nacht im Hochsommer – das hätte hervorragend in die Odyssee-Reihe auf dem Grünen Hügel gepasst, die leider kaputtgespart wurde. Dann wird ein Hebel umgelegt: Andrea Isabelina streift ihr rotes Oberteil ab, ist fortan nur noch in Schwarz zu sehen und zitiert die Metal-Rap-Ikonen Rage Against the Machine. Die Perkussionistin wirbelt mit einer Art Regenbogenfahne über die Bühne. All das hat viel zu viel Leichtigkeit und Spielfreude, als dass es dogmatisch wirken würde. Bei den Zugaben ist der Saal ein einziger vibrierender Organismus – nicht mehr isoliert, sondern solidarisch und ausgelassen die Musik feiernd. Innerhalb des vielschichtigen Festivalprogramms der Ruhrfestspiele, die seit jeher die Begegnung von Kulturen zelebrieren, setzte dieser Abend einen Farbtupfer, der ganz besonders wärmte.
Die Band "Mother" kommt am 17. Mai nach Recklinghausen
Der nächste spannende Musiktermin bei den Ruhrfestspielen ist am Sonntag, 17. Mai im Rahmen der Sparkassenkonzerte am im Großen Festivalzelt: Die Formation Mother um die deutsch-griechische Kontrabassistin Athina Kontou verbindet mit Saxophonistin (und Preisträgerin des Deutschen Jazzpreises 2026) Luise Volkmann , Schlagzeuger Dominik Mahnig und Pianist Julius Windisch traditionelle griechische Musik sowie Stücke mit armenischen und türkischen Wurzeln mit zeitgenössischem Jazz. Griechisch geprägter Jazz ist hierzulande selten zu hören – umso spannender der Grenzgang, der sich vertrauten Kategorien entzieht.

