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Einfach liefern

Der Stadtgarten ließ zum Jubiläum die Musik sprechen

Köln, 08.09.2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Kristina Zalesskaya, Stefan Pieper

Es goss in Strömen, und es half überhaupt nichts. Schon eine Stunde vor dem offiziellen Teil drängten sich die Menschen unter den Zeltdächern des Open-Air-Geländes zusammen, Sekt und Häppchen wanderten durch eine Menge, die längst nicht mehr auseinanderzudividieren war: die halbe Kölner Szene, auffallend viele Musikerinnen und Musiker, dazu das Publikum, das die eintrittsfreien Konzerte seit Jahren mitträgt. Ulla Oster von der Initiative Kölner Jazz Haus deutete das Wasser kurzerhand zum Segen für die nächsten vierzig Jahre um.

Am 4. September 1986 wurde der Konzertsaal an der Venloer Straße eröffnet, auf den Tag genau vier Jahrzehnte vor diesem Abend. Dahinter stand eine Idee, die nichts von ihrer Kraft verloren hat: ein unabhängiger Ort für aktuelle und improvisierte Musik, professionell geführt, mit anständigen Konditionen für alle Beteiligten – Mindestgagen eingeschlossen. Wer die laufenden Debatten über die Bezahlung von Musikerinnen und Musikern verfolgt, weiß, wie wenig selbstverständlich das geblieben ist. Dass der Eintritt am Jubiläumsabend frei war, schreibt dasselbe Prinzip fort, für das in Köln vor anderthalb Jahrzehnten das Winterjazz-Festival den Grundstein gelegt hat.

Der Regen hörte tatsächlich auf, kaum dass der offizielle Teil begonnen hatte. Den musikalischen Auftakt machte „Die Patin – Saxophon Mafia Mash Up“: die Saxofonistin Luise Volkmann mit ihrem Quartett, in dem sie auf Camila Nebbia, Sakina Abdou und Kira Linn traf. Vorlage war das Bandbook der Kölner Saxophon Mafia, die 1981 debütierte, fünf Jahre später beim Eröffnungsfestival des Stadtgartens spielte und bis etwa 2010 zu den renommiertesten Kölner Jazzformationen zählte – ausschließlich aus Männern bestehend. Zwei Gründungsmitglieder saßen an diesem Abend im Publikum. Die Stücke von Wollie Kaiser, Roger Hanschel und Joachim Ullrich wurden für den Anlass in neuer Handschrift bearbeitet. Was daraus entstand, war weit mehr als eine Verbeugung. Die vier beackerten das Material mit einer Feinheit, einer Homogenität und einer Akkuratesse, wie man sie sonst von einem guten Streichquartett kennt: Klangvorstellungen von heute, hörbare Evolution in der frei improvisierten Musik. Damit war die Programmatik des Abends gesetzt: kein Brimborium, sondern einfach liefern. Wie das Haus es immer tut.

Zahlen, Reden, Zusagen

Der offizielle Teil hatte Substanz, verzichtete auf Pathos und stellte die Fakten heraus:. Die Stadt Köln fördert die Initiative Kölner Jazz Haus mit jährlich 470.000 Euro – eine Summe, die angesichts der Haushaltslage in den kommenden Wochen erneut zur Debatte steht. 2016 kam der APPLAUS-Award als Spielstätte des Jahres, 2022 der Deutsche Jazzpreis in derselben Kategorie; seit 2017 haben Stadt und Land das Haus zum Europäischen Zentrum für Jazz und aktuelle Musik weiterentwickelt. Vom 24. bis 27. September findet die European Jazz Conference erstmals in Deutschland statt – mit rund 500 internationalen Fachleuten und dem Stadtgarten als zentraler Spielstätte. Die wichtigste Nachricht des Abends aber betraf die Runderneuerung des Hauses an der Venloer Straße: Neun Millionen Euro sind zugesagt, getragen von Bund, Land und Stadt. Baubeginn 2028, Fertigstellung 2029. Man müsse ja nur schneller fertig werden als die Kölner Oper, hieß es von der Bühne – das kriege man hin. Der Lacher saß. Der sportliche Ansporn bleibt. Viele Reden klangen nach eitel Freude und waren doch von Sorge getragen. Zwei Tage vor einem Wahlsonntag, auf den im ganzen Land mit angehaltenem Atem geblickt wurde, beschrieben die Rednerinnen und Redner den Stadtgarten als Ort, an dem Grenzen zwischen Genres, Ländern und Kulturen verschwimmen. Zuhören und das Aushalten unterschiedlicher Auffassungen gehören hier tatsächlich zur täglichen Praxis, sie sind keine Sonntagsformel. 

Das stärkste Argument bleibt die Musik

Eines der ganz großen Highlights: Manos Tsangaris und Hayden Chisholm. Kammermusikalisch fein, von einer spirituellen Dichte, die man gerne einen ganzen Abend lang und an einem ruhigeren Ort hören würde. Tsangaris, aus der Neuen Musik kommend und vor allem von den Wittener Tagen für neue Kammermusik bekannt, arbeitet gar nicht so sehr an der Tonfolge, sondern an dem, was dazwischen passiert: zwischen Stimme und Instrument, zwischen Körper und Raum. Was daran zufällig wirkt, ist genau gesetzt, und Chisholm geht darauf ein wie ein gleichberechtigter Erzähler. Er eröffnete mit einem Flötensolo, ehe er zum Altsaxofon griff. Dessen Ton kommt nie ganz auf dem Boden an; er legt sich über die Harmonien, ohne sich an sie zu hängen, und bleibt dabei so klar, dass jede Verfärbung mitzuhören ist. Gefällig klingt das trotzdem nie. Es klingt nach einem, der noch sucht, obwohl er längst gefunden haben könnte.

Ein wirklich großer Name enttäuschte dagegen. Nils Petter Molvær hatte direkt nach der letzten Ansprache die Außenbühne für sich allein. Seine ruhigen, melancholischen, elektronisch erweiterten Klangwelten wirkten weder frisch noch neu, eher wie das routinierte Abrufen einer Signatur, die vor zwanzig Jahren tatsächlich neu war. Auch ein prägender Musiker darf einen solchen Abend haben; man verzeiht es. Der Kontrast zu dem, was drinnen parallel geschah, war trotzdem schwer zu überhören.

Denn das Gegenteil davon lieferten Stian Westerhus und Arve Henriksen, das war maximale Intensität in jeder Sekunde. Westerhus behandelt seine Gitarre wie eine Versuchsanordnung: Rückkopplungen werden nicht vermieden, sondern bewirtschaftet, aus einer Melodie wird binnen Sekunden Geräusch – und er behält es trotzdem in der Hand. Henriksen hält mit seinem Gesang dagegen, einem hohen, entrückten Falsett, das eher haucht, als dass es Töne setzt. Auch Westerhus singt, und die Gesangslinien beider biegen sich in Melismen, die an arabische Traditionen denken lassen. Dröhnende Klangwelten, aus denen echte Selbstentäußerungen erwachsen: Klänge bersten, hinter den Oberflächen tun sich Tiefen auf.

Richtig krass wurde es im JAKI, dem Club im Untergeschoss, mit den Resonators. Thomas Sauerborn , unerbittlicher Power-Schlagzeuger, treibt die Band ohne einen Moment des Nachlassens. Darüber Jelena Kuljić, die mehr spricht als singt, ein harscher Bewusstseinsstrom mit Punk-Attitüde – und sie setzt die Silben so gegen den Beat, dass sie selbst zum Schlagwerk werden. Jozef Dumoulin und Lucia Cadotsch spielten ein intimes, fast introvertiertes Set, skizzenartig und etwas spröde, aber mit subtilen Anspielungen bis hin zu Messiaen. Cadotsch verzichtet auf jede Vorführung, und gerade weil sie so wenig tut, wiegt jede winzige Verschiebung schwer. Dumoulin hält das Klavier in Bewegung, bis von der Form der Songs nur noch ein Raum übrig ist. Für Pathos bleibt kein Platz. Spät nachts dann Angelika Niescier mit einer deutlich jüngeren Pianistin in einer intensiven Free-Jazz-Heimsuchung – wunderbar, mit welcher Leichtfüßigkeit sich die Jüngere Note für Note in Niesciers rasantes Spiel einklinkte.

Was diese Konzerte zusammenhält, ist eine Brücke über die Generationen: Gründungsmitglieder der Saxophon Mafia im Publikum, ihr Material neu gedacht von Musikerinnen, die eine Bandgeschichte später eingestiegen sind; Niescier, die eine deutlich jüngere Spielpartnerin an ihrem Tempo teilhaben lässt. Wer hier zuhört, nimmt an Entwicklungen teil, die sich immer wieder von Neuem nähren und Neues hervorbringen. Aktuelle Musik eben – dieses Haus nimmt den Begriff seit vierzig Jahren beim Wort.

Kein Selbstlob, sondern ein Statement

Zahllose Videobotschaften aus aller Welt von Fred Frith über Helge Schneider bis Bill Frisell machten einmal mehr deutlich, dass jeder seine eigene Geschichte mit dem Stadtgarten hat. Und doch war dieser Abend keine Selbstfeier: Das Haus tat, was es am besten kann – aktuelle Musik präsentieren und die Menschen sichtbar machen, die diese Szene über Jahre getragen haben. Dieser Spagat aus Selbstvergewisserung und internationaler Öffnung ist ein künstlerisch ehrliches Statement für die nächsten Jahrzehnte, allen Widerständen zum Trotz. 





















 

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