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Die Reise eines Wortes

Die Band "Mother" überzeugte bei den Ruhrfestspielen

Recklinghausen, 22.05.2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Stefan Pieper

Diese Musik schien aus einer sehr tiefen Quelle aufzusteigen. Kreisende Bassfiguren, ostmediterrane Skalen, ungerade Metren zogen das Publikum binnen Minuten in einen tranceartigen Sog – und ein Saxophon klang, als spiele es alle östlichen Blasinstrumente abwechselnd. MOTHER, die Band um die deutsch-griechische Kontrabassistin Athina Kontou, betrat das Große Festivalzelt der Ruhrfestspiele und brauchte keine zwei Takte, um klarzumachen: Hier wurde nichts dekoriert, hier wurde umso mehr freigelegt.

Athina Kontou ist Bandleaderin im wahrsten Sinne. Ihr Bass arbeitet weniger mit dem Walking Bass der amerikanischen Tradition als mit dem Bordun, dem liegenden Grundton, über dem sich alles entfaltet. Ebenso wesentlich ist die Art, wie sie ihren Mitmusikern Raum gibt und die Stücke um deren Stärken herum arrangiert. So taucht die Band aus dem Geist der Improvisation in griechische und eben nicht nur griechische Stilistiken ein und macht sie sich zu eigen. Dahinter steht ein Kulturraum, der sich über die ideologisch gesetzten Grenzen zwischen Südosteuropa und Vorderasien hinwegsetzt. Es ist die Welt des Rembetiko, jenes „griechischen Blues" der kleinasiatischen Flüchtlinge, dessen urbane Melancholie und kollektives Spiel hier in die Gegenwart übersetzt werden.

Zwischen den Stücken nahm Athina Kontou das Publikum mit auf eine Reise. Sie erzählte von einem Aufenthalt in der Türkei, wo sie selbst nie gewesen war, obwohl ihre Mutter von Lesbos stammt, nur einen Steinwurf von der türkischen Küste entfernt. Sie sprach von Komitas, dem armenischen Komponisten, dessen Werk im Völkermord von 1915 weitgehend zerstört wurde. Als das Quartett eines seiner Lieder anstimmte, wurde es im Zelt vollkommen still, und in dieser Stille schien niemand atmen zu wollen.

Eine Geschichte, die nie enden wird

Luise Volkmann s Saxophon klagte, jubelte und seufzte. Sie wechselte die Klangfarben bis zur Unkenntlichkeit des Instruments und erzählte unablässig jene Geschichte weiter, die nie enden wird. Julius Windisch verlagerte das Klavier gemeinsam mit Dominik Mahnig in die tiefsten Lagen und machte es so zum Teil der Perkussion, ehe er später eines der eindrucksvollsten Soli des Abends beisteuerte. Dominik Mahnig wiederum nähert sich dem Schlagzeug nicht als Taktgeber, sondern als Resonanzkörper, der jede Regung der Musik aufnimmt. Die ungeraden Metren wie 7/8 oder 9/8 sind dabei kein folkloristisches Zitat, sondern das rhythmische Rückgrat, aus dem sich der Sog der Stücke speist. Sprang ein solcher Groove an, ging ein Mitwippen durch die Reihen, dem sich niemand entzog.

Vor allem aber macht MOTHER keine Folklore. Über die Improvisation stößt die Band zu einem Kern vor, in dem Melancholie und Ekstase, Lebensfreude und Tragik beieinanderliegen. Damit reiht sich das Quartett in jene europäische Bewegung ein, die den Jazz aus dem amerikanischen Idiom heraus in die eigenen Überlieferungen führt. Verwandt ist das dem nordischen Kammerjazz der ECM-Ästhetik und doch ganz aus eigener biografischer Notwendigkeit gespeist. Am Ende dankte Athina Kontou allen, die solche Räume möglich machen, in denen Kultur stattfinden und Menschen zusammenkommen können. Der Applaus, der folgte, hatte etwas Aufgewühltes, beinahe Dankbares. Auf das Album, das im November erscheint, darf man gespannt sein.

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