Deutscher Jazzpreis 2026
Mehr Strahlkraft, aber die alten Debatten bleiben
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Oliver Hochkeppel, Website jazzahead
Eines vorweg: Wir gratulieren allen Musiker:innen, Bands und Projekten zu ihrem Preis. In einer Szene, die täglich um Sichtbarkeit ringt, ist jede Würdigung ein Gewinn.
Drei Stunden Bühnenshow, Laudationes, Live-Acts, Übergaben: Die Verleihung des Deutschen Jazzpreises am 25. April 2026 in Bremen war wieder ein Ereignis von Format – inszeniert, ausgeleuchtet, professionell choreografiert. Doch dieses Mammutprogramm hatte einen Preis. Während sich die Aufmerksamkeit der gesamten Branche auf eine Bühne konzentrierte, spielten die Bands an diesem Samstagabend zwar vor vollbesetzten Reihen, das Fachpublikum aus Veranstalter:innen, Booker:innen und Kurator:innen aber fehlte weitgehend, für das diese Showcases überhaupt existieren. Wer hier auftrat, war oft monatelang vorbereitet, manche aus dem Ausland angereist – und stand dann im Schatten der Gala. Ein kulturpolitisches Signal über die Prioritäten dieser Veranstaltungswoche. Der Deutsche Jazzpreis hat Strahlkraft entwickelt, aber zum Teil auf Kosten jener Strukturen, die er beleben sollte.
Starke Stimmen aus NRW: Salomea, Volkmann, Reznichenko
Beginnen wir dort, wo es uns am nächsten ist. Rebekka Salomea wird zur Künstlerin des Jahres gekürt – eine Wahl, die in NRW Nachhall finden dürfte. Die Sängerin steht für eine Generation, der Genregrenzen herzlich gleichgültig sind, ohne dass dies in Beliebigkeit kippt. Ihre Verortung zwischen Jazz, Soul und urbanen Sounds ist längst keine Brückenfunktion mehr, sondern eigenständiger Sound.
Doppelt geehrt wird Luise Volkmann mit ihrem Ensemble Été Large – als Großes Ensemble des Jahres und für die Rundfunkproduktion „The Stories We Tell". Volkmanns in Köln verwurzelte Arbeit zeigt, was geschieht, wenn improvisatorische Wagnislust auf konzeptuelle Tiefe trifft. Hier wird nicht arrangiert, hier wird gedacht – mit Klang.
Mit der Pianistin Olga Reznichenko, die zwischen Leipzig und Köln wirkt, ehrt die Jury eine Stimme, die zwischen Jazz, Klassik und freier Improvisation auf außergewöhnlichem Niveau vermittelt – zeitgeistig, ohne anbiedernd zu sein. Auch Robert Lucaciu in der Kategorie Saiteninstrumente und Peter Ehwald an Holzblasinstrumenten – beharrlich, uneitel, längst überfällig – stehen für jene Generation, die das Kollektive ernst nimmt.
Dass Aki Takase das Lebenswerk erhält, auch dies eine Auszeichnung, bei der niemand widersprechen mag. Seit Jahrzehnten verbindet die Pianistin europäische Improvisation mit eigensinniger Lesart afroamerikanischer Traditionen, von Monk bis Ellington. International beweist die Jury Mut: Lina Allemano, Kris Davis, Sullivan Fortner, Johnathan Blakes politisch grundiertes „My Life Matters" und das koreanische Debüt von yonglee & the DOLTANG – keine Kompromisse, klare Bekenntnisse.
Bemerkenswert: Die 62. jazzwerkstatt Peitz ist Festival des Jahres 2025. Kein urbanes Prestigeformat, sondern ein traditionsreiches, hartnäckig Festival in Brandenburg – ein Signal, das gerade in NRW gehört werden sollte. Das Moses Yoofee Trio mit „MYT" ist die publikumsnächste Wahl, Max Andrzejewskis „Das Summen meiner Teile" die kompositorisch anspruchsvollste.
Warum gerade die, der, das? und warum die, der, das nicht?
So weit der freudige Teil. Ein kulturpolitisch reflektierter Blick darf nicht beim Applaus stehenbleiben. In Kommentarspalten, auf Social Media, in diversen geführten Gesprächen zur Nachlese kehren Formulierungen wieder: „zu glatt", „zu industrieorientiert", Netzwerkbildungen statt echter ästhetischer Diskurse. Und vor allem jene rhetorische Frage, die jeder Preis dieser Größenordnung provoziert: Warum gerade die, der, das – und warum gerade die, der, das, nicht? Mehr Transparenz in den Begründungen wäre wünschenswert. Da ist der Eindruck einer wiederkehrenden Bubble. Die doppelte Würdigung eines einzigen Projekts wird durchaus als tendenziöse Jury-Favorisierung gelesen. Berlin und Köln dominiert die übliche Geographie, in der sich der Löwenanteil (nicht alles) abspielt. Wer auf die Festivals und Szenen zwischen Niederrhein, Ruhrgebiet und Ostwestfalen blickt, fragt sich, warum die kuratorische Energie des Jazzlands NRW jenseits seiner Metropolen so selten ankommt. Die Basis des Jazz, das Rückgrat der Szene – jene Musiker:innen, die in Clubs zwischen Krefeld und Bielefeld und anderes Abend für Abend die Substanz tragen – kommt eher wenig vor.
Wie viel des Budgets fließt in Kunst, wie viel in Inszenierung? Der Vorwurf, der Preis sei näher am Branchen-Showcase als an unabhängiger Debatte, wird nicht leiser, je enger sich die Verleihung an die jazzahead! schmiegt – und je deutlicher sie die parallel laufenden Showcases in den Schatten stellt.
Kunstpreis oder Kulturmarketing?
Der Jahrgang 2026 hat starke Akzente gesetzt, sich international geöffnet, Diversität sichtbar gemacht. Doch zugleich kuratiert sich das System hinter dem Preis selbst – nach Proporz, Förderkompatibilität, Zeitgeist. Was bleibt zu wünschen: weniger glatte Repräsentation, mehr Reibung, mehr kontroverser ästhetischer Diskurs, der echte Hörerfahrung widerspiegelt. Den Preisträger:innen gilt unser Glückwunsch – ihren Arbeiten lohnt es ohnehin zu folgen. Den Mechanismen dahinter gilt weiterhin unser kritischer Blick. Beides gehört zusammen.




















