Café Desaster in Herne
Ein Einladung zum Entdecken
TEXT: Heinz Schlinkert | FOTO: Heinz Schlinkert
Wer glaubt, guten Jazz gäbe es nur in den bekannten Clubs der Metropolen, sollte seinen Blick ins Ruhrgebiet richten. Zwischen Herne und Gelsenkirchen pulsiert eine lebendige Szene an Orten, die in keinem Konzertführer stehen – in Begegnungszentren, Wohnzimmer-Cafés und Kulturhäusern. Hier spielen Musiker ohne Gage, das Publikum sitzt an langen Tischen, und die Atmosphäre ist so nah und unkompliziert wie der Jazz selbst. Seit 4 Jahren finden in einem Herner Café Jazz-Konzerte statt, die bisher kaum in einem Jazzkalender erwähnt wurden. Im ‚Café Desaster‘ läuft an jedem ersten Sonntag im Monat ‚Jazz on Sunday‘. Eine Einladung zum Entdecken.
Der Herner Jazzbassist Patric Siewert organisiert den ‚Jazz on Sunday‘. Eintritt muss nicht bezahlt werden, denn die Musiker spielen ohne Gage. Spenden werden natürlich gerne entgegengenommen. Die meisten Musiker kommen aus dem Ruhrgebiet, doch auch bekannte Musiker aus anderen Regionen wie der Kölner Trompeter Matthias Bergmann haben dort gastiert. Im letzten Herbst sind Siewert und Bergmann als Quartett zusammen mit Oliver Schroer aus Bochum und mit Carlotta Ribbe aus Herne aufgetreten. Der Dortmunder Saxophonist Wim Wollner und Patric Porsch aus Soest sind jedes Jahr zu Gast. Am 13. Dezember fand im Cafe - ausnahmsweise an einem Samstag - ein kleines Festival statt.
‚Café Desaster‘ – gar nicht desaströs
Das ‚Café Desaster‘ ist ein Café am Rande der Herner Innenstadt, doch es ist viel mehr als ein Café. Vor 5 Jahren wurde es als Café Desaster Begegnungszentrum e. V. gegründet. Es gibt dort täglich einen wechselnden Mittagstisch und Getränke zu Selbstkostenpreisen. Nadja Mosch ist die gute Seele des Cafés, sie kocht und kümmert sich um die Gäste. Regelmäßig finden Aktivitäten wie Kaffeeklatsch für Senioren, Konzerte, Spiele- und Kreativtreffs, auch für Kinder, und Tango-Kurse statt; WLAN inklusive. Das Café ist der einzige Herner Foodsharing Fair-Teiler für Lebensmittel. Nach Konzept der Tischgemeinschaften kann das Essen auch an langen Tischen zusammen eingenommen werden.
Knapp 50 Personen finden Platz im Café, das echte Wohnzimmer-Atmosphäre ausstrahlt. Kerzen, Lampen, Kronleuchter, Schränke, eine kleine Theke, Bilder an den Wänden, Blumen. Die Musiker spielen ebenerdig, direkt vor dem Publikum, das wiederum an langen Tischen sitzt. Nähe spielt eine große Rolle, viele kennen sich, ein fast familiäres Ambiente.
Festival am 13. Dezember
Der E Bass spielt an diesem Abend eine große Rolle. Die beiden Bassisten von ‚From Drums to Bass‘ spielen vor allem Stücke von Sting, eigentlich ein Trio, doch wegen des Ausfalls des Drummers mit Hilfe eines Drumcomputers. Die beiden Bassisten spielen abwechselndt Melodie/Solo und Basslines.
‚Uptime‘ ist ein Quintett mit Akkordeon, Bass, Gitarre, Keyboard und Drums. Mit ‚Nowhere Man‘ von den Beatles beginnen sie, sehr groovig und schwungvoll. Interessant ist die Kombination von Akkordeon und E Gitarre, wenn Klaus Jochmannum und Christoph Wember um die Wette solieren. Als der Keyboarder und Bandleader Martin Wirsdörfer zum TenorSax greift, bekommt die Musik noch mehr Klangfarbe und schließt mit ‚Chicken‘ das Konzert ab.
Nun ist Patric Siewert selbst an der Reihe. Mit dem Pianisten Oliver Schroer und dem Gitarristen Sebastian Wiemhöfer spielt das Trio Stücke von Patric ('Pictures from today') und Oliver (‚Old but New‘). Erst vor einer Woche ist Oliver im nahen Gerther Kulturrat aufgetreten. Patrics furiose Soli auf dem 6saitigen Fretless Bass (Bass ohne Bünde) beeindrucken, lassen nur manchmal den anderen beiden Musikern wenig Spielraum.
Roland Kaschube schließlich tritt solo mit seinem E Bass in Erscheinung. Doch er spielt kaum, sondern berichtet in der Art eines Kabarettisten über Erlebnisse mit seinem E Bass. Auch ein Musikrätsel gehört dazu, bei dem Stücke anhand von Bass-Licks erkannt werden sollen. Die ‚Sham Rock’n Bluesband‘ ist im Café Desaster gut bekannt und schließt dieses kleine Festival mit einer Bluessession ab.
Auch am 4. Januar wird ‚Jazz on Sunday‘ wieder stattfinden um 18 Uhr im
‚Café Desaster‘ Mont-Cenis-Str. 26 Herne
mit dem Quartett 'UNITFOUR' mit Patric Porsch (ts), Sebastian Wiemhöfer (g), Patric Siewert (b), Kolja Rötzel (dr)
Patric Siewert hat in Gelsenkirchen eine Konzert-Reihe mit dem Namen 'Haus-Jazz ins Leben gerufen. Im Alfred-Zingler-Haus spielt er -ähnlich wie im Café Desaster - mit wechselnden Besetzungen . Am 6. Februar 2026 um 19:30 Uhr spielt dort 'UnitThree' mit Patric Siewert (b), Sebastian Wiemhöfer (g) und Wilm Flinks (d). Special guest Patrick Porsch (ts). Eintritt frei
http://patricsiewert.de
https://schroer-siewert-duo.de






