Köln als Hörlabor
Preview Cologne Jazzweek 2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Bildquelle: website cologne jazzweek
Wohl kaum ein deutsches Jazzfestival ist so schnell gewachsen, ohne seine Herkunft zu verleugnen. Die Cologne Jazzweek verwandelt Köln vom 5. bis 11. September erneut in ein weit verzweigtes Hörlabor: Mehr als 50 Konzerte auf über 20 Bühnen führen von der Philharmonie in den Kirchenraum, vom Clubkeller auf die Straße. Im Zentrum stehen dabei nicht allein internationale Gäste, sondern die Musikerinnen und Musiker der Stadt selbst. Dass dieses Konzept funktioniert, belegt die bisherige Bilanz: 2023 wurde die Cologne Jazzweek mit dem Deutschen Jazzpreis als „Festival des Jahres“ ausgezeichnet. Im vergangenen Jahr kamen mehr als 250 Musiker aus über 18 Nationen nach Köln, 10.500 Konzertbesuche bedeuteten einen neuen Rekord. Die sechste Ausgabe setzt diesen Wachstumskurs fort – nicht nur durch Größe, sondern vor allem durch ein dichter geknüpftes Netzwerk und ein Programm mit beträchtlicher stilistischer Fallhöhe.
Kuratieren mit Außenblick
Für die künstlerische Handschrift ist Posaunist und Festivalgeschäftsführer Janning Trumann verantwortlich. Unterstützt wird er von einem international besetzten Kuratorium mit Line Juul vom Oslo Jazz Festival, Schlagzeuger und Labelmacher Alfred Vogel, Hermes Villena von King Georg und Powerhouse Records sowie Yousef Hilmy vom Los-Angeles-Label Minaret Records. Das Ergebnis ist ein Programm, das weniger in Genres als in Verbindungen denkt – zwischen freier Improvisation, Songwriting, Elektronik, Neo-Soul und Big-Band-Tradition.
im LOFT treffen der britische Saxofon-Veteran Evan Parker und der amerikanische Trompeter Peter Evans aufeinander. Im Stadtgarten spielt zeitgleich das Peter Bernstein Quartet mit Sullivan Fortner am Klavier. In der Kölner Philharmonie bringt Avishai Cohen seine Elektroband Big Vicious auf die Bühne. Weitere Höhepunkte sind die New Yorker Sängerin keiyaA, die Neo-Soul in eine offene, fragmentierte Klangsprache überführt und der kalifornische Saxofonist Sam Gendel, der gleich mehrfach zu erleben ist: solo, mit Ethan Braun und Ugnė Uma sowie im Duo mit dem Folk-Songwriter Sam Amidon im Deutschlandfunk Kammermusiksaal. Die Posaunistin Kalia Vandever präsentiert ihr reduziertes Solospiel in der Antoniterkirche; die georgische Musikerin Anushka Chkheidze trifft auf Peter Evans.
Die eigentliche Qualität dieser Auswahl liegt weniger in der Namensdichte als im Mut zum Kontrast. Philharmonie und unabgesichertes Duo-Experiment stehen gleichberechtigt nebeneinander. Das Festival verlangt seinem Publikum einiges ab – und vertraut darauf, dass es diesen Weg mitgeht.
Köln spielt sich selbst
Mindestens ebenso wichtig ist die lokale Szene. Der Posaunist Matthias Muche , 2021 mit dem WDR Jazzpreis ausgezeichnet, bringt sein Ensemble BONECRUSHER in die Kunst-Station Sankt Peter. Zehn Posaunen treffen dort auf das Schlagzeugduo Rie Watanabe und Etienne Nillesen. Muche behandelt das Blech nicht als klassisches Klangkörper-Ensemble, sondern als Material, das sich verdichten, aufrauen und bis an die Grenzen der Tonerzeugung treiben lässt. In der besonderen Akustik von Sankt Peter dürfte daraus ein ausgesprochen körperliches Konzerterlebnis werden. Die Saxofonistin und Komponistin Luise Volkmann präsentiert mit ihren „Folk Stories“ in der Kirche Heilig Kreuz eine Musik, die Volksmusik nicht als Zitatvorrat, sondern als offene Frage an die Gegenwart versteht. Das Quartett SCHMID’s HUHN – Stefan Karl Schmid , Leonhard Huhn, Stefan Schönegg und Fabian Arends – entwickelt im Stadtgarten mit seinem „cologne songbook“ sogar ein eigenes Repertoire für die Stadt.
Wie eng die Kölner Netzwerke inzwischen geknüpft sind, zeigt das Programm rund um Roger Kintopf und Felix Hauptmann. Kintopf, Jahrgang 1998 und diesjähriger Träger des Horst-und-Gretl-Will-Stipendiums der Stadt Köln, präsentiert mit seinem Quartett CIPHER eine Verbindung aus zwölftönigen Konstruktionsprinzipien und freier Improvisation. Neben ihm spielen Kirke Karja, Hauptmann und Philip Dornbusch. Wenige Tage später führt Hauptmann diese personellen Verbindungen in eine andere Richtung. Im Rahmen der Kooperation NICA × Cologne Jazzweek präsentiert er die Uraufführung „YARDS & EMPATHY“. Das Kölner Artist-Development-Programm NICA ermöglicht damit nicht nur ein weiteres Konzert, sondern unterstützt die Entwicklung einer neuen Arbeit. Mit Ketija Ringa-Karahona an der Flöte, Lina Allemano an der Trompete, Kintopf am Bass und dem kubanischen Schlagzeuger Francisco Mela entsteht dafür eine eigens zusammengestellte Formation.
Ein Festival als Talentschmiede
Gerade solche Verbindungen machen die besondere Stellung der Jazzweek aus. Das Festival präsentiert nicht nur fertige Produktionen, sondern bringt Künstlerförderung, neue Projekte und Konzertbetrieb zusammen. Dazu passt auch das städtische Jazzstipendium: Mit Kintopf steht ein junger Kölner Musiker auf dem Festivalprogramm, der in diesem Jahr mit dem mit 12.000 Euro dotierten Horst-und-Gretl-Will-Stipendium ausgezeichnet wurde. Die Jazzweek wird damit zunehmend zu einer Plattform, auf der sich lokale Karrierewege, internationale Kooperationen und neue Produktionen überschneiden. Auch größere Ensembles gehören zu diesem Netzwerk. Das Bundesjazzorchester reist mit „Mountains & Melodies“ musikalisch nach Armenien, unter Mitwirkung der Kölner Saxofonistin Theresia Philipp . Das Composers Collective Cologne präsentiert eine Amsterdam-Edition, das Subway Jazz Orchestra arbeitet mit Sam Amidon zusammen. Und die Stadt selbst wird zum Spielort. Beim Format „zFuaß“ ziehen Matthias Schriefl und Johannes Bär gemeinsam mit dem Publikum durch Köln. Die „Blaue Route“ startet am Dom und führt am Rhein entlang – mit Alphorn, Tuba, Beatbox und einer Musik zwischen Poesie, Witz und Virtuosität. Genau darin liegt die eigentliche Stärke der Cologne Jazzweek: Sie importiert nicht bloß internationale Prominenz, sondern bringt diese mit einer außergewöhnlich produktiven lokalen Szene in Beziehung. Köln wird dabei nicht zur Kulisse des Festivals, sondern zu seinem eigentlichen Resonanzraum. Die Wirkung reicht deshalb über die sieben Festivaltage hinaus: Die Jazzweek schafft Begegnungen und Produktionsmöglichkeiten für eine Szene, die während des übrigen Jahres weiterarbeitet.
Praktisches
Das Festivalticket kostet 140 bis 180 Euro und gilt für nahezu alle Veranstaltungen. Tagestickets gibt es für „Downtown Drift“ am 9. September und „Ehrenfeld Night“ am 10. September ab 23 Euro. Das Ehrenfeld-Ticket unterstützt die Initiative „Club-Euro“.
Cologne Jazzweek, 5.–11. September 2026, diverse Spielstätten in Köln.
Programm und Tickets: jazzweek.de










