Das Klavier als offener Raum

Younee kommt zu FineArtJazz

Gelsenkirchen, 10.10.2026

Younee improvisiert zwischen Beethoven und Blues und knüpft damit an eine Praxis an, die die Klassik einmal selbstverständlich beherrschte und dann vergessen hat. Am Samstag, 17. Oktober, um 20 Uhr gastiert die Pianistin bei FineArtJazz im Schloss Horst in Gelsenkirchen.

Dass ein Pianist spielt, ohne zu wissen, was er spielen wird, galt im 20. Jahrhundert als Sache des Jazz. Historisch ist das eine Verengung. Mozart improvisierte vor Publikum, Beethoven trat in Wien zu Improvisationsduellen an, und die Kadenz im Solokonzert war jener Moment, in dem der Interpret zum Komponisten wurde. Erst das Ideal der Werktreue verbannte die Improvisation aus dem Konzertsaal. Was blieb, war der Notentext. Die südkoreanische Pianistin, Komponistin und Sängerin Younee setzt genau an dieser Lücke an.

Ihr Weg verlief nicht entlang der üblichen Laufbahn. Klavier spielt sie seit ihrem fünften Lebensjahr. Nach dem Studium an der Yonsei University in Seoul ging es jedoch nicht zum Wettbewerb, sondern ins Popgeschäft: Sie schrieb als Songwriterin für andere und landete mit „Dan Hansaram“, dem Titelsong der KBS-Serie „Famous Princesses“, einen Nummer-eins-Hit. Ein Umweg, der einiges erklärt: Wer gelernt hat, in drei Minuten eine Melodie zu bauen, die im Ohr bleibt, denkt anders über Form nach. 2008 ging sie nach London, nahm „True To You“ unter anderem mit Gary Husband, Derek Watkins und Nigel Hitchcock auf und spielte in Clubs und bei BBC Radio. Die Klassik war nun nicht mehr Maßstab für alles andere, sondern eine Sprache unter mehreren.

Zerlegen, verschieben, umdeuten

Mit ihrem deutschen Debüt „Jugendstil“ kehrte sie zu Mozart, Beethoven und Rachmaninoff zurück, allerdings ohne Ehrfurcht. Damit steht sie in der Linie von Jacques Loussier, Friedrich Gulda oder Gabriela Montero. Solche Grenzgänge haben eine Schwachstelle: Oft bleibt es beim Wiedererkennen, das berühmte Motiv, darunter ein Swing-Rhythmus, fertig. Bei Younee ist das Motiv eher Ausgangspunkt als Zitat. Es wird zerlegt, verschoben, harmonisch umgedeutet, bis man nicht mehr sicher ist, ob man es noch hört. Auf „My Piano“ (2016) mit elf eigenen Stücken zeigt sich ihre Handschrift ohne fremde Vorlage: lyrisch Zurückgenommenes neben perkussiv Zugespitztem, dazwischen eine Wucht, die eher an Rachmaninoff erinnert als ans Jazztrio.

Ihr eigentliches Terrain ist die freie Improvisation. Younee spielt nicht über ein festgelegtes Akkordschema, wie es im Jazz die Regel ist. Sie greift ein Motiv auf, lässt es liegen, kehrt Minuten später zurück, und erst rückblickend zeigt sich eine Form. Komposition und Improvisation werden zu zwei Geschwindigkeiten desselben Denkens. Man mag an Keith Jarretts „Köln Concert“ denken, doch ihr Gestus ist sprunghafter, mit einer Lust am abrupten Wechsel. Ein solcher Abend lässt sich nicht vorab beschreiben; Saal, Flügel und Stimmung fließen ins Spiel ein. Das kann misslingen, ein Gedanke kann ins Leere laufen. Darin liegt das Risiko dieser Kunstform, aber auch ihre Glaubwürdigkeit. Das Doppelalbum „Improvisations Live in Germany“, aufgenommen zwischen 2017 und 2022, unter anderem in der Elbphilharmonie, dokumentiert diese Offenheit.

Ihre Virtuosität ist dabei kein Selbstzweck. Sie erlaubt Entscheidungen im Bruchteil einer Sekunde: eine Kadenzwendung, die in eine Bluesphrase kippt, eine perkussive Klangfläche, aus der plötzlich ein einzelner, lang ausgehaltener Ton hervortritt. Ihre Musik lebt von diesen Übergängen. Younee nennt das „Free Classic & Jazz“, als Genrebegriff wenig tauglich, als Haltung schon eher. Ob das Klassik, Jazz oder etwas Drittes ist, mag man diskutieren. Vielleicht ist die Frage falsch gestellt: Vor zweihundert Jahren hätte sie wohl niemand verstanden.

Younee – FineArtJazz, Samstag, 17. Oktober 2026, 20 Uhr, Schloss Horst, Turfstraße 21, Gelsenkirchen.

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