Integration kommt aus der Musik
Ein Festivalbericht von Jazz im Kloster
TEXT: Heinz Schlinkert | FOTO: Heinz Schlinkert
„Die Politiker sollten sich von Musikern beraten lassen, wie man Stimmen zusammenführt“ – Beim Festival „Jazz im Kloster“ wird Musik zur Antwort auf eine angespannte politische Lage
Vom 7. bis 9. August fand in Jerichow in Sachsen Anhalt wieder das Festival ‚Jazz im Kloster‘ statt, diesmal im Schatten der bevorstehenden Landtagswahlen. Aus dem heißen NRW geht’s Richtung Osten in die Altmark an der Elbe. Dort sind die Wiesen noch grüner, es ist weniger warm und Streifenwolken ziehen über den blauen Himmel.
Anders ist leider auch die politische Atmosphäre. An den Straßen hängen Plakate der AFD, auf denen u. a. islamfreie Schulen gefordert werden. Die Landtagswahlen stehen bevor und die AFD führt haushoch in den Umfragen. Kann man da im nächsten Jahr überhaupt noch hinfahren, falls die AFD regiert?
Doch es gibt auch Gegenwind, z. B. von der Evangelischen Kirche, die sich mit ihrer Aktion ‚Herz statt Hetze‘ gegen die Diskriminierung von Menschen wendet und ausdrücklich aufruft, die AFD nicht zu wählen. Ob sich diese Stimmung auch beim Jazz Festival in Jerichow bemerkbar macht?
Freitag Abend
Das Festival beginnt wie im letzten Jahr am Freitag Abend. Der Intendant Reinhard Seehafer begrüßt das Publikum und erklärt, dass der Begriff ‚Integration‘ aus der Musik kommt, weil alle Instrumente nur im Zusammenspiel ein Ganzes ergeben. Er meint: „Die Politiker sollten sich von Musikern beraten lassen, wie man Stimmen zusammenführt.“ Das ist natürlich auf den Wahlkampf gemünzt. Er erwähnt auch die Aktivitäten des Frontmanns der AFD, der private Grillfeste besucht und dort die deutsche Kultur hochleben lässt.
Auch in diesem Jahr eröffnet wieder ‚The Loop Jazz Orchestra’ aus Prag das Festival. Raphael Lemonnier leitet die Band vom Keyboard aus. Bei Stevie Wonders ‚You are the sunshine of my life‘ kommt der US Sänger Jordan Shores dazu, danach bringt der farbige gewichtige Sänger Lavonte Heard mit ‚Superstition‘ noch mehr Schwung ins Konzert.
Etwas ganz Besonderes ist ‚The Shadow of your Smile, das mit dem Arrangement von Achim Keller gespielt wird. Keller hat auch für die WDR Big Band arrangiert, sagt Raphael Lemonnier, diese sei „the best big band of the world“.
Schließlich kommt auch die farbige Sängerin Jillian Nicholson-Dicks dazu. Sie und die beiden anderen Sänger gehören zum US amerikanischen Chor ‚Jeremy Winston Chorale‘. Im letzten Jahr gaben sie hier eine Blues Brothers Show.
‚Respect‘ und ‚Think‘ von Aretha Franklin hatte die Sängerin schon im letzten Jahr sehr eindrucksvoll gesungen. Diese Stücke sagen so viel und bekommen angesichts der politischen Lage eine ganz aktuelle Bedeutung. Doch weiter geht es mit Unterhaltungsmusik, denn die Songs von ‚Tamla Motown’ sind diesmal Thema. Songs von von Stevie Wonder und Marvin Gaye, auch ein Medley mit Stücken der Jackson 5 sind zu hören. ’What’s going on’ fragte sich Marvin Gaye vor 55 Jahren und auch heute könnte man sich fragen, in was für einer Zeit wir eigentlich leben. Mit ‚Ain’t no mountain high‘ und viel Beifall endet der erste Festivalabend.
3 Konzerte am Samstag: KON-BIG-BAND - Younee - Rebekka Bakken
Wie im letzten Jahr spielt zunächst die KON-BIG-BAND des Telemann Konservatoriums Magdeburg unter der Leitung von Mohi Buschendorf. Blues, Funk, Mambo, Chachacha, Fusion, alles ist dabei und wird sehr virtuos mit vielen Soli präsentiert. Josefine Ellert und Matthi Engel singen, Matthi zu Stücken von Peter Fox, z. B. zum recht frivolen ‚Schüttel deinen Speck‘. Der Sopransaxophonist Vlady Bystrow, Fachgruppenleiter am Konservatorium, spielt dazu ein virtuoses und sehr originelles Solo.
Es ist sonnig und es wird heiß, doch das ist kein Problem, denn viele Zuschauer ziehen sich mit ihren Stühlen unter die Bäume der großen Wiese zurück. Ein leichter Wind bringt Kühlung und man lauscht entspannt der wunderbaren Musik - so muss es sein.
Und schon kommt der Höhepunkt des Festivals: die junge koreanische Pianistin Younee betritt mit einem bunten Zweiteiler mit Schleppe die Bühne. Es ist geradezu unglaublich, wie sie über 90 Minuten hinweg mit einem Solo nach dem anderen das Publikum fasziniert. Sie erzählt einiges über ihre Stücke, sprachlich kein Problem, denn sie lebt in Deutschland. Younee ist bekannt dafür, dass sie auf Zurufe aus dem Publikum hin spontan improvisiert bzw. komponiert. So auch diesmal, „Tango“ und „ Ain‘t no sunshine“ wird gerufen und sie impörovisiert darüber in durchgehendem Tango-Rhythmus; ein Paar tanzt dazu vor der Bühne.
Kombinationen unterschiedlicher Stile sind Younees Spezialität, z. B. bei ‚From Korea to Bach‘; Smetanas Moldau schüttelt sie aus dem Ärmel, natürlich alles ohne Noten. Und manchmal singt sie auch. Am Ende spielt sie ‚Piano Man‘ von Billy Joel und lädt dazu den Intendanten ein mitzuspielen, der sich mühelos in den vierhändigen Vortrag einfindet.
Der Flügel ist von einer Spezialfirma geliefert worden, er musst vorher gestimmt werden und nun wird er sehr vorsichtig wieder abtransportiert.
Die Sonne ist untergegangen und es wird Zeit für die norwegische Sängerin und Songwriterin Rebekka Bakken, die schon im letzten Jahr hier gesungen hat.
Sie erscheint in einem langen gelben Kleid und bleibt, hell angestrahlt, die ganze Zeit wie eine Statue vor dem Mikro stehen. In verschiedenen Posen bewegt sie ihre Arme und unterstreicht die Aussagen ihrer Songs. Sicher hat sie eine wunderbare Stimme, doch man kann rein gar nichts verstehen, denn sie stellt ihr neues Album ‚Nord‘ vor, das aus norwegischen Folksongs besteht.
So kommt es trotz des anfänglich phänomenalen Eindrucks zu beträchtlichen Längen, die Gesten wiederholen sich, der Sound verändert sich kaum. Die Band funktioniert nur wie Sidemen und bildet mit harten Rhythmen und breiten Flächen den Kontrast zur melodiösen, manchmal melancholischen Stimme von Rebekka Bakken. Die Drums recht dumpf, der Bass kaum zu hören, die Gitarre kaum als solche zu erkennen, das Keyboard mit etlichen Breitseiten, ein Schlagzeugsolo war immerhin als Intro erlaubt. Wabernde Crescendi sollen Höhepunkte bilden – Man mag das mögen, doch Jazz ist das nicht. Es sollte wohl ein Gesamtkunstwerk kreiert werden, herausgekommen ist eher eine durchsichtig konstruierte Show, die sich krass von der Spontaneität und Unmittelbarkeit der kurz vorher erlebten Pianistin abhebt. Doch auch hier gibts viel Beifall, natürlich ist Musik auch immer Geschmackssache.
Altmark Festspiele
Die ‚Altmark Festspiele‘ veranstalten im Norden von Sachsen Anhalt viele Konzerte. Ihr Schirmherr ist seit 2017 ‚Seine Königliche Hoheit Oskar Prinz von Preußen Herrenmeister des Johanniterordens‘. Die Geschichte ist hier allgegenwärtig. Intendant Reinhard Seehafer sagt in einem Gespräch, dass er sich auf keinen Fall von einer rechten Regierung reinreden lassen würde, das Festival könne auch ohne staatliche Zuschüsse stattfinden, weil es viele private Förderer gebe.
Sonntag
Der Sonntag beginnt wie im letzten Jahr mit einem Jazz-Gottesdienst in der Klosterkirche, den wieder die Pastorin Rebekka Prozell leitet.
Sie hält eine längere Predigt, die auf den Baumwollfeldern von Georgia beginnt und über Gospel und Blues zum Jazz führt:
„Der Blues erzählt vom Schmerz - Der Gospel erzählt von der Hoffnung – Und Jazz weigert sich, eines gegen das andere auszuspielen – Er hält beides zusammen - Wie das Leben – Wie der Glaube."
Die musikalische Begleitung und ein anschließendes Konzert übernimmt das ‚Ensemble Classico‘, kein Jazz, aber beeindruckende Gospel-, Barbershop- und A-Cappella-Vokalkunst mit 14 ehemaligen Regensburger Domspatzen unter der Leitung von Korbinian Neuert.
Intendant Reinhard Seehafer sagt zum Abschluss: „Egal was passiert, wir werden weitermachen.“ Alle wissen, wass er meint und es erhebt sich ein Riesenbeifall. Und es wird klar: hier ist nicht alles verloren, die Zivilgesellschaft ist intakt, wenn auch nur teilweise. Und die müssen wir unterstützen und wir kommen deshalb auf jeden Fall wieder, egal wer im nächsten Jahr regiert!
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