1200 Einreichungen, 22 Kategorien
Die Nominierten für den Deutschen Jazzpreis stehen fest
FOTO: Oliver Hochkeppel
Deutscher Jazzpreis 2026: 1.200 Einreichungen, 22 Kategorien, eine Szene im Aufbruch
Die Nominierten für die sechste Ausgabe des Deutschen Jazzpreises stehen fest. Die Auswahl zeigt eine Szene, die internationaler, diverser und selbstbewusster auftritt denn je – und sich dabei nicht um Genregrenzen schert. Die Preisverleihung findet am 25. April im Congress Centrum Bremen statt, moderiert von Thelma Buabeng und Götz Bühler.
Es ist inzwischen ein verlässlicher Gradmesser für den Zustand des Jazz in und aus Deutschland geworden: der Deutsche Jazzpreis, 2021 ins Leben gerufen, inzwischen in seiner sechsten Ausgabe angekommen und längst mehr als eine Branchenveranstaltung. Am Mittwoch gab die Initiative Musik die diesjährigen Nominierten bekannt. Aus rund 1.200 Einreichungen – so viele wie nie zuvor – wählte eine 30-köpfige internationale Fach- und Sonderjury jene Künstlerinnen und Künstler, Ensembles, Produktionen, Festivals und Projekte aus, die am 25. April in Bremen um Auszeichnungen in 22 Kategorien ins Rennen gehen. Jede Auszeichnung ist mit 12.000 Euro dotiert; auch Nominierte ohne Preis erhalten 4.000 Euro.
Die Verleihung findet im Congress Centrum Bremen statt, eingebettet in das 20-jährige Jubiläum der jazzahead!, jener internationalen Fachmesse, die sich als wichtigster Treffpunkt der globalen Jazzszene etabliert hat. Durch den Abend führen die Journalistin und Schauspielerin Thelma Buabeng, die erstmals dabei ist, und der bewährte Götz Bühler. Als erster Live-Act ist das Moses Yoofee Trio bestätigt, weitere sollen folgen. Nach zwei Kölner Ausgaben kehrt der Preis damit an seinen angestammten Ort zurück – ein Signal für Kontinuität in einer Szene, die sich sonst gerne neu erfindet.
Die Bandbreite ist repräsentativ
Wer die Liste der Nominierten durchgeht, stößt auf eine bemerkenswerte Bandbreite. In der Kategorie Vokal trifft die Berliner Stimmkünstlerin Almut Kühne auf den in New York lebenden Theo Bleckmann und die in Deutschland aufstrebende Zuza Jasinska. Bei den Holzblasinstrumenten steht die argentinisch-deutsche Saxofonistin Camila Nebbia neben dem Berliner Veteranen Peter Ehwald. Das Feld der Blechbläser reicht von der ukrainischen Trompeterin Carina Khorkhordina über den Münchner Matthias Lindermayr bis zu Sebastian Studnitzky, der seit Jahren zwischen Jazz und Elektronik pendelt.
Bei den Tasteninstrumenten fällt auf, dass mit Masako Ohta, Olga Reznichenko, Svetlana Marinchenko und Szabolcs Bognár vier Musiker nominiert sind, die biografisch zwischen den Kulturen stehen – ein Spiegel der kosmopolitischen Realität des zeitgenössischen Jazz in Deutschland. Ähnlich international besetzt ist die Kategorie Schlagzeug/Perkussion, wo die griechische Drummerin Evi Filippou, der Münchner Ludwig Wandinger, Lukas Akintaya und die brasilianische Perkussionistin Mariá Portugal aufeinandertreffen.
Große Ensembles, große Geschichten
Besonders aufschlussreich ist die Kategorie Großes Ensemble des Jahres. Hier steht das Fabia Mantwill Orchestra neben Gellért Szabó's Ideal Orchestra und der Formation Luise Volkmann & Été Large, die gleich in mehreren Kategorien auftaucht. Dass auch MEMENTO ODESA nominiert ist, ein Projekt, das die musikalische Erinnerung an die kriegsgezeichnete ukrainische Hafenstadt wachhält, zeigt, dass der Jazzpreis politische Gegenwart nicht ausblendet, sondern sie als Teil künstlerischer Praxis begreift.
International messen sich das estnische Projekt Maria Faust Sacrum Facere, das Schweizer Martin Streule Orchestra, das niederländische Metropole Orkest und die amerikanische Webber/Morris Big Band. Dass ein Orchester wie das Metropole Orkest in diesem Feld auftaucht, unterstreicht den Anspruch des Preises, Jazztraditionen in ihrer ganzen orchestralen Dimension sichtbar zu machen. In der Königskategorie Album des Jahres konkurriert Camila Nebbias „A Reflection Distorts Over Water" – eingespielt mit der legendären Pianistin Marilyn Crispell – mit Fabia Mantwills „IN.SIGHT", Phil Donkins „Bring A Friend" und dem „Start/Stop"-Album des Tobias Hoffmann Trios. Bei den Debüts darf man gespannt sein: Das Moses Yoofee Trio, das auch als erster Live-Act der Preisverleihung bestätigt ist, trifft auf YÆLLEE, Max Treutner und Shogo Seiferts RAUKE.
International sorgen Brandee Younger mit „Gadabout Season", ganavya mit „Nilam", Johnathan Blake mit „My Life Matters" und das Duo Sylvie Courvoisier & Wadada Leo Smith mit „Angel Falls" für ein Feld, das stilistisch von Harfen-Jazz über südindisch inspirierte Klangwelten bis zu radikaler Improvisation reicht.
Festivals, Journalismus, Vermittlung
Dass der Deutsche Jazzpreis mehr sein will als eine reine Künstler-Auszeichnung, zeigen die Sonderkategorien. Bei den Festivals konkurrieren mit dem moers festival und der jazzwerkstatt Peitz zwei Institutionen der deutschen Festivallandschaft mit dem jungen A-Minor Festival und dem Jazzfest Berlin. In der Kategorie Journalistische Leistung stehen unter anderem ein Porträt über die Schlagzeugerin Lesley Mok und eine Reportage über den Jazz im Ruhrgebiet. Bemerkenswert auch die Kategorie Musikvermittlung und Teilhabe, in der Projekte wie Groove Inclusion, die Jazz Girls Days, die Offene Jazz Haus Schule und YOUNG JAZZ der Ingolstädter Jazztage nominiert sind – Initiativen, die Jazz nicht als elitäre Kunstform, sondern als zugänglichen Erfahrungsraum begreifen. In den Kategorien Künstler:in des Jahres und Künstler:in des Jahres international gibt es keine Vorab-Nominierungen – die Hauptjury wählt aus dem Gesamtfeld der nationalen beziehungsweise internationalen Nominierten. Ebenso bleibt die Kategorie Lebenswerk ohne Nominierte; hier entscheidet die Hauptjury direkt.
Erwachsen geworden
Man muss sich gelegentlich daran erinnern, dass dieser Preis erst fünf Jahre alt ist. Die ersten Ausgaben waren noch von Kinderkrankheiten begleitet – zu viele Kategorien, gelegentlich fragwürdige Zuordnungen, eine Suche nach der eigenen Identität zwischen Gala-Glamour und Szene-Glaubwürdigkeit. Blickt man nun auf die diesjährigen Nominierungen, darf man feststellen: Der Deutsche Jazzpreis ist erwachsen geworden. Nicht im Sinne von gesetzt oder behäbig, sondern in der Art, wie er die Bandbreite der Szene abbildet – von der experimentellen Klangforschung einer Almut Kühne bis zur orchestralen Wucht von MEMENTO ODESA, vom Debüt-Album eines Moses Yoofee Trios bis zum Lebenswerk, das noch gekürt werden will. Die Nominierungen erzählen keine Geschichte von Nischen und Schubladen, sondern von einer Kunstform, die sich ihrer Gegenwart stellt. Dass der Preis das inzwischen so selbstverständlich spiegelt, ist vielleicht seine eigentliche Leistung.
Die Preisverleihung findet am 25. April 2026 im Congress Centrum Bremen statt. Tickets und weitere Informationen unter www.deutscher-jazzpreis.de
Alle Nominierten des Deutschen Jazzpreises 2026
KÜNSTLER:INNEN
Vokal: Almut Kühne · Christina Wheeler · Theo Bleckmann · Zuza Jasinska
Holzblasinstrumente: Camila Nebbia · Peter Ehwald · Regis Molina · Tobias Delius
Blechblasinstrumente: Carina Khorkhordina · Lina Allemano · Matthias Lindermayr · Sebastian Studnitzky
Piano/Tasteninstrumente: Masako Ohta · Olga Reznichenko · Svetlana Marinchenko · Szabolcs Bognár (Àbáse)
Saiteninstrumente: Emily Wittbrodt · Maria Reich · Robert Lucaciu · Roman Klobe
Schlagzeug/Perkussion: Evi Filippou · Ludwig Wandinger · Lukas Akintaya (Adeolu) · Mariá Portugal
Künstler:in des Jahres: Auswahl aus dem nationalen Nominierten-Pool
Großes Ensemble des Jahres: Fabia Mantwill Orchestra · Gellért Szabó's Ideal Orchestra · Luise Volkmann & Été Large · MEMENTO ODESA
Künstler:in des Jahres international: Auswahl aus dem internationalen Nominierten-Pool
Großes Ensemble des Jahres international: Maria Faust Sacrum Facere · Martin Streule Orchestra · Metropole Orkest · Webber/Morris Big Band
AUFNAHME/PRODUKTION
Album des Jahres: „A Reflection Distorts Over Water" – Camila Nebbia ft. Marilyn Crispell & Lesley Mok · „IN.SIGHT" – Fabia Mantwill Orchestra · „Bring A Friend" – Phil Donkin · „Start/Stop" – Tobias Hoffmann Trio
Debüt-Album des Jahres: „Zen Garden" – Max Treutner · „MYT" – Moses Yoofee Trio · „Causes Of Imagination" – Shogo Seifert's RAUKE · „Untold Stories" – YÆLLEE
Rundfunkproduktion des Jahres: „Beata Viscera" – Daniel García Trio & NDR Vokalensemble · Jonas Sorgenfrei Quintet Live · „The Stories We Tell" – Luise Volkmann & Été Large · „Enso: On the withered tree a flower blooms" – Stefan Schönegg
Album des Jahres international: „Gadabout Season" – Brandee Younger · „Nilam" – ganavya · „My Life Matters" – Johnathan Blake · „Angel Falls" – Sylvie Courvoisier & Wadada Leo Smith
Debüt-Album des Jahres international: „Foureign Language" – Maurice Storrer · „Bringer of Light" – Omrum · „City Suite" – Rin Seo Collective · „Invisible Worker" – yonglee & the DOLTANG
LIVE
Festival des Jahres: 54. moers festival · 62. jazzwerkstatt Peitz · A-Minor Festival · Jazzfest Berlin
Live Act des Jahres: ENEMY · Filippou & Lucaciu · Fuasi Abdul-Khaliq · hilde
Live Act des Jahres international: Johnathan Blake · Kris Davis Trio · Sullivan Fortner · Vijay Iyer & Wadada Leo Smith Duo
KOMPOSITION/ARRANGEMENT
Komposition/Arrangement des Jahres: „Square Root of a Dream" – Anne Mette Iversen · „Das Summen meiner Teile" – Max Andrzejewski · „We Spin Dizzily" – Sebastian Gramss · „For Alice" – Sophia Göken
SONDERPREISE
Journalistische Leistung: „Being Hipp – First Lady of European Jazz" – Anna Schmidt · „Radikale Vielfalt: Das Trickster Orchestra" – Babette Michel · „Make Jazz im Pott great again" – Christin Latniak & Nadia Aboulwafi · „Musik, die denkt und sich widerspricht" – Sophie Emilie Beha
Lebenswerk: Keine Nominierten – Direktwahl durch die Hauptjury
Musikvermittlung und Teilhabe: Groove Inclusion · Jazz Girls Days · Offene Jazz Haus Schule · YOUNG JAZZ 2025 (Ingolstädter Jazztage)
Quellen: Deutscher Jazzpreis / Initiative Musik gGmbH (www.deutscher-jazzpreis.de), Pressemitteilung vom 26. Februar 2026: „Bekanntgabe der Nominierten für den Deutschen Jazzpreis 2026"; Nominierungsübersicht unter www.deutscher-jazzpreis.de/nominierte/
