Viktoria Elisabeth Kaunzner
Saiga Antilope
TEXT: Stefan Pieper |
Viktoria Elisabeth Kaunzners neues Album "Saiga-Antilope" positioniert sich als Statement in einer Gegenwartsmusik, die das streng Akademische längst fröhlich über den Haufen geworfen hat. Die digitale Veröffentlichung dieses Releases pünktlich zum Weltfrauentag (07.03.2025) unterstreicht das Anliegen der in Berlin lebenden Geigerin, Komponistin, Künstlerin, Autorin etc., hier vor allem der weiblichen Kreativität zu mehr Gehör zu verhelfen.
Das Ensemble UKOREVV – ein von ihr selbst gegründetes Kollektiv aus 30 Musikerinnen und Musikern aus 15 Nationen – wird dabei zum Instrument für die eigene transkulturelle Vision und wurde von der hochproduktiven Musikerin während ihrer Zeit als Professorin an der koreanischen Kangnam University aufgebaut. Der Opener "Silk Road", ein Stück von Viktoria Kaunzner selbst, entwickelt ein musikalisches Panorama, in dem mikrotonale Elemente asiatischer Herkunft auf westliche Spieltechniken treffen. Die Musikerinnen und Musiker spielen hier mit bemerkenswerter Sensibilität, während Kaunzner ihre virtuos gespielte Violine zum solistischen Vermittler zwischen verschiedenen Klangwelten macht.
Expression versus Impression
Violeta Dinescus "Roman Fleuve" – eine Suite neutönerischen Charakters, welche die rumänische Komponistin der Geigerin gewidmet hat – dringt in abstraktere, neutönerischere Strukturen vor. Die Violine balanciert zwischen expressiver Kantabilität und experimenteller Klanggestaltung, während die kompositorischen Elemente eher eine impressionistische Umgebung entgegensetzen. Das titelgebende Stück "Saiga-Antilope" beginnt mit zarten Klängen, bevor es rhythmische Konturen entwickelt. Balkaneske Elemente mutieren in eine individuellere Klangsprache, während die Violine mit ihrer geschmeidigen Agogik die Bewegungsmuster des vom Aussterben bedrohten Steppentiers nachzeichnet. Schließlich verschaffenn sich auch asiatische Einflüsse Gehör. Weiträumige Spannungsbögen sind ohnehin Sache dieser aufreizend klangsinnlichen Musik. Die Saiga-Antilope steht stellvertretend für alle bedrohte Arten unseres Planeten. Bei Konzertaufführungen wird das Stück häufig von Dokumentarfilmsequenzen begleitet, was besonders beim jüngeren Publikum auf positive Resonanz stößt. In Elena Kats-Chernins "Times of Rain and Sun", eine Auftragskomposition tritt die Violine mit einer koreanischen Gayageum in Dialog – das wirkt wie ein empfindsamer Reflex auf Viktoria Kaunzners eigenes Eintauchen in die Klangwelt der asiatischen Musik: „Mir wurde klar: Ich bin im Land der Minimalisten, wo aus jedem Detail eine Symphonie geformt wird" beschreibt sie heute dieses Schlüsselerlebnis. "Jasmine Rice", ein Stück von Kaunzner selbst, pflegt mit abenteuerlich erweiterter Spieltechnik eine organische Interaktion mit dem hier völlig frei improvisierenden Ensemble.
Vom Reichtum, das Fremde zu erkunden
Als Vorkämpferin für ein neues performatives Bewusstsein im Konzertbetrieb ist bei Viktoria Kaunzner immer das Live-Erlebnis die primäre Inspirationsquelle. Diese kreative Unruhe wiederspiegelt sich auch im Hörerlebnis dieses neuen Releases. "Bei Violeta Dinescus Konzert nahm ich einen Seidenschal, drehte mich mit dem Bogen und das Orchester stand auf, sang und bewegte sich wie in einem Fluxus-Stück. Diese Momente schaffen eine besondere Verbindung. So durchbrechen wir den steifen Rahmen konventioneller Konzerte" beschreibt sie den Ablauf solcher Experimente. Mit einem weiteren selbst komponierten Stück, dem triumphal aufbrausenden "Lucid Dreams", vollendet sich diese subjektive musikalische Reflexion über vereinigte Weltkulturen und spezifisch weibliches Musikmachen. In Zeiten, in denen Debatten über kulturelle Aneignung und identitäre Abschottung viel Lärm erzeugen, führt Kaunzners Album auf einen dritten Weg: "Saiga-Antilope" lädt mit attraktiven Klängen zur Erkundung des Fremden ein, was zur Erweiterung des Eigenen führt.