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The Sephardics

Sephardic Dialogues

Essen, 01.04.2026
TEXT: Stefan Pieper | 

Wer sind wir überhaupt und woher kommen wir? Was geschieht, wenn Gesänge, die seit einem halben Jahrtausend durch die jüdische Diaspora wandern, auf Musiker treffen, die im Jazz, im Noise, in der freien Improvisation zu Hause sind? The Sephardics haben sich drei Jahre lang mit genau diesen Fragen beschäftigt – und die Antworten klingen so vielschichtig wie die sephardische Erfahrung selbst. Das in NRW und Bremen beheimatete Ensemble um Sängerin und Pianistin Manuela Weichenrieder, Cellist Ludger Schmidt, Geiger und Saxofonist Martin Verborg und Schlagzeuger Patrick Hengst hat zwischen 2023 und 2025 eine bemerkenswerte Trilogie eingespielt. Drei Jahre, drei Begegnungen mit internationalen Gästen, ermöglicht durch die Ensembleförderung des Landes NRW.

Den roten Faden bilden stets die sephardischen Lieder selbst – keine folkloristischen Versatzstücke, sondern lebendige Organismen, die mit jeder neuen Klangumgebung anders reagieren, anders atmen. Sie werden weitergedacht, umgeformt, dienen als Sprungbretter für fantasievolle instrumentale Exkurse, ohne ihren emotionalen Kern je aus den Augen zu verlieren. 2023 tauchten die alten Weisen mit der Marseiller Band Biensüre ein in ein brodelndes Gebräu aus orientalisch eingefärbten Grooves, psychedelischen Synthesizerfarben und einem Disco-Feeling, das nach Mittelmeer und Tanzfläche gleichermaßen schmeckt. Die jahrhundertealten Melodien gewannen dabei eine körperliche Unmittelbarkeit, als hätten sie nur auf diesen Kontext gewartet.

2024 schlug das Pendel in die entgegengesetzte Richtung. Mit dem australisch-deutschen Klangkünstler Oren Ambarchi und dem südindischen Perkussionisten Ramesh Shotham entstanden Stücke von meditativer Versunkenheit. Hier ging es um das Nachlauschen, um die Frage, was passiert, wenn sich ein einzelner Ton in aller Ruhe entfalten darf. Die sephardischen Melodien wurden zu beinahe transparenten Gebilden, durch die das Licht der anderen Instrumente hindurchschien. Das Finale 2025 brachte Elliott Sharp ins Spiel – den New Yorker Grenzgänger, der seit den achtziger Jahren die Downtown-Szene mitprägt. Dass sephardische Gesänge und Sharps Klangforschung zueinander finden, erweist sich als zwingend: Beide Traditionen kennen das Prinzip der Wanderung, der Neuerfindung, des Überlebens durch Verwandlung. Dass Sharp anschließend auch das JOE-Festival in Essen bereicherte, ist kein Zufall – sondern Ausdruck der Netzwerke, die dieses Projekt durchziehen.Denn „Sephardic Dialogues" ist ein lebendes Beispiel dafür, welche Früchte es trägt, wenn Musiker internationale Kontakte pflegen und in konkrete künstlerische Arbeit überführen. Patrick Hengst, der als Mitkurator des JOE-Festivals seit Jahren frei improvisierte Musik und internationalen Austausch zusammenbringt, verkörpert diese Haltung auch in seinem Spiel: Das Unbekannte nicht nur zulassen, sondern aktiv aufsuchen. In einer Zeit, in der kulturelle Abschottung wieder salonfähig zu werden droht, weist das weit über die Musik hinaus.

Was alle drei Alben durchzieht, ist eine wild wuchernde Freiheit, eine Lust am Kantigen und Unfertigen, die dieses Projekt bestens im Portfolio des Umland-Labels verortet. Weichenrieders Stimme fügt sich in treibende Grooves ebenso ein wie in schwebende Flächen oder zerklüftete Improvisationen. Dass hier Musiker am Werk sind, die sich seit 2006 mit diesem Repertoire befassen – ausgezeichnet mit dem CREOLE-Preis NRW und dem Deutschen Weltmusikpreis RUTH –, hört man an der Selbstverständlichkeit, mit der sie zwischen den Welten navigieren.

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