Teresa Hackel & Florian Walter
Drawing Air
TEXT: Stefan Pieper |
Es beginnt mit Luft. Noch ehe sich ein Ton zu erkennen gibt, hört man, wie er entsteht: das Ansaugen, das Strömen, das feine Reiben der Atemsäule an Holz und Rohr. Teresa Hackel und Florian Walter haben ihrem Duoalbum den Titel Drawing Air gegeben, und der trägt seine Bedeutung doppelt: Hier wird Luft gezogen und zugleich Luft gezeichnet, sichtbar gemacht, was sonst ungehört durch die Instrumente fließt. Fünf Stücke, im Februar 2025 im schweizerischen Wettingen eingespielt und zu Beginn dieses Jahres als hochauflösender Download veröffentlicht, laden dazu ein, dem Klang beim Werden zuzuhören.
Die Mittel sind ungewöhnlich und von erlesener Tiefe. Hackel bedient die mannshohe, kantige Paetzold-Großbassblockflöte und den helleren Helder-Tenor, dazu setzt sie ihre Stimme ein. Walter antwortet mit dem Altsaxofon und der Eppelsheim-Kontrabassklarinette, einem seltenen Koloss, dessen Töne aus den untersten Kellern des Hörbaren heraufsteigen. Aus dieser Begegnung von hohem Flötenhauch und grollender Tiefe gewinnt das Album seine eigentümliche Räumlichkeit.
Beide behandeln ihre Instrumente als Klangkörper, denen weit mehr zu entlocken ist als Melodie. Flageoletts schimmern über brüchigen Multiphonics, Zungen- und Atemgeräusche werden zum Material, mikrotonale Verschiebungen lassen einen einzelnen Ton lebendig flirren. So entstehen Obertongespinste, die das Ohr immer wieder neu justieren, und ein Lauschen, das sich an Resonanzen, Reibungen und winzigen Schwankungen festhält.
Eine Musik für späte Stunden und konzentriertes Zuhören
Die fünf Miniaturen folgen keinem Liedgedanken, sondern atmen ihre eigene Form. Drawing Clouds zieht herauf wie früher Dunst, Bursting verdichtet sich zu kurzem Aufbrechen, Vapours verflüchtigt sich beinahe ins Tonlose. Vortex Hiss zischt und kreiselt an der Grenze zwischen Klang und Geräusch, ehe Floating Whales in tiefe, singende Schwingungen abtaucht, in denen die beiden Bassinstrumente wie ferne Meeressäuger einander rufen. Die Stille zwischen den Ereignissen ist eigens gestaltet und gibt jedem Hauch sein Gewicht.
Dynamisch bleibt das Geschehen meist im Flüsterbereich, mit gelegentlichem Anschwellen, das nie nach Effekt verlangt. Die Spannung wächst aus dem Feinen, aus dem geduldigen Aufschichten von Obertönen, dem Verweilen auf einem Klang, der sich langsam von innen verändert. Das hat etwas Meditatives und zugleich wach Forschendes, eine Musik für späte Stunden und konzentriertes Zuhören, am besten über Kopfhörer, die noch das leiseste Atemgeräusch in den Raum stellen.
Drawing Air ist ein Album für jene, die das Abenteuer in der Reduktion suchen und die zeitgenössische Holzbläserkunst als offenes Klanglabor begreifen. Hackel und Walter pflegen darin ein aufmerksames Geben und Nehmen, in dem ein hingehauchter Flötenton genauso viel wiegt wie das dunkle Beben der Kontrabassklarinette. Eine kostbare, leise Entdeckung, die mit jedem Hören mehr von sich preisgibt.
