Tamara Lukasheva
Rilke. Vertont. Solo
TEXT: Stefan Pieper |
Wohin wird das alles einmal führen? Kann Dichtung, die vor einem Jahrhundert entstanden ist, in einer Gegenwart, deren Dauerbeschallung fast alles zuschüttet, noch etwas aufbrechen? Tamara Lukasheva legt mit ihrem neuen Soloalbum „Rilke. Vertont. Solo." eine Antwort vor, die so leise wie unausweichlich daherkommt – und die zeigt, dass es manchmal nur eine Stimme, einen Flügel und elf hundertjährige Verse braucht, um den Lärm der Welt für einen Moment auf Distanz zu halten.
Aufgenommen wurde das Album im Oktober 2025 live im Duisburger o-ton-Studio, am 5. Mai 2026 ist es als Digital Release auf Wolfhunter Music erschienen. Die in Odessa geborene und längst in Köln heimisch gewordene Sängerin und Pianistin knüpft damit an ihr Soloprogramm „Gleichung" an, auf dem sie Novalis, Hildegard von Bingen und Clara Müller-Jahnke vertont hatte. Doch der Schritt zu Rainer Maria Rilke, der 1926 starb und dessen Verse hier zum Schlüssel für das Eigene werden, geht tiefer und ins Risiko. Den Anstoß gab eine Zeile, die ihr im vergangenen Sommer in die Hände fiel: „Mein Dunkel, mein Dunkel, da steh ich mit dir…" Rilke wendet sich darin der eigenen Dunkelheit zu, nicht als Feind, sondern als Vertrautem. Aus dieser einen Vertonung wuchs ein elfteiliges Programm.
Was Lukasheva hier aufmacht, entzieht sich der Genrezuschreibung. Das Klavier grundiert die Texte mit dunklen, tastenden Harmonien, die mal als Schatten unter den Worten schweben, mal in stürmische Kaskaden ausbrechen, dann wieder in traumverlorenen Zwischenspielen verharren, damit die Worte sacken können. Es sind diese Ruhepole, in denen sie auf einer Metapher verweilt und ein Klangbild wachsen lässt, die das Album so durchlässig machen. „Meer um Meer", heißt einer der Titel – und genau so schichtet sich auch ihr pianistisches Material: in Wellen, die kommen und gehen dürfen.
Eine versierte, erfahrene Gestalterin
Ihre Doppelbegabung als versierte konzertante Pianistin und als überaus flexible Sängerin trägt das Ganze ohne Netz und doppelten Boden. Eine helle Stimme, glasklare Textverständlichkeit, kammermusikalische Dringlichkeit – und das Wissen, wann ein scat-Anflug die schwere Bedeutungsfracht eines Verses gerade so weit lüften kann, dass darunter etwas Leichtes, Spielerisches sichtbar wird. Dass Deutsch nicht ihre Muttersprache ist, erweist sich dabei nicht als Hürde, sondern als Vorteil: Jedes Wort wird mit einer Sorgfalt behandelt, die das Klangliche als eigenständiges musikalisches Material freilegt.
Die Dramaturgie sitzt. Der Opener „Täglich stehst du mir steil vor dem Herzen…" setzt den Ton: Hier spricht jemand, der sich dem Unvermeidlichen stellt, statt ihm auszuweichen. „Mein Dunkel, mein Dunkel" steht in der Mitte als Wendepunkt, an dem innere Konfrontation in Reflexion umschlägt. Aus Schwermut wächst Zuneigung zur Welt, aus Zuneigung Bewunderung. Am Ende, mit Versen aus Rilkes achter Duineser Elegie – „Und wir, Zuschauer..." –, bleibt die gelassene Erkenntnis, dass wir Zuschauer bleiben einer Welt, die uns unaufhörlich mit Eindrücken überflutet. Dass am Schluss leise der Applaus des Duisburger Premierenpublikums eingeblendet wird, ist kein Effekt, sondern Zugehörigkeitserklärung: Das sind wir.
Diesen Bogen allein durchzuhalten, verlangt künstlerischen Mut und kompositorische Souveränität. Beides bringt Tamara Lukasheva mit – und ein drittes obendrein: das Vertrauen darauf, dass Stille, Wort und Klang immer noch etwas in uns aufbrechen können, wenn man sie nur lässt.
Tamara Lukasheva : „Rilke. Vertont. Solo." – 11 Tracks, live aufgenommen im o-ton-Studio Duisburg. Digital Release vom 5. Mai 2026 auf Wolfhunter Music, erhältlich auf Bandcamp.

