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Simin Tander

The Wind

Köln, 27.03.2025
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Dovile Sermokas

Simin Tander s neues Album "The Wind" ist ein Werk von außergewöhnlicher Tiefe und Strahlkraft geworden – und das überrascht eigentlich kaum. Die deutsch-afghanische Sängerin transzendiert kulturelle Grenzen und erschafft einen musikalischen Kosmos, der gleichermaßen in folkloristischen Traditionen und zeitgenössischer Klangsprache wurzelt.

"A whisper of the sea / She holds a silent tear / Moving softly through the waves / A light so bright, it waits" - Poetische Zeilen wie diese aus dem Titelstück "The Wind Within Her" formulieren die Programmatik einer musikalischen Reise, welche Simin Tander vier Jahre nach ihrem gefeierten Album "Unfading" fortsetzt und noch weiter vertieft hat. Mit bemerkenswerter Sensibilität navigieren die neuen Songs durch klangliche Landschaften, in denen Verlust und Hoffnung, Tradition und Innovation sowie beständige Sehnsucht in einen Dialog treten. Tanders Gesangskunst ist in ihrer Vielseitigkeit wieder mal sensationell. In gleich fünf verschiedenen Sprachen singend, verleiht sie jeder Silbe expressive Bedeutung. Wenn in den paschtu-sprachigen Stücken melismatische Verzierungen aufblitzen, dann erscheint auch dies nicht als technische Demonstration, sondern als natürlicher Ausdruck emotionaler Tiefe. Überhaupt wandelt ihre Stimme mühelos vom samtigen Flüstern zu kraftvoller Intensität, getragen von einer inneren Notwendigkeit des Ausdrucks.

Der Eröffnungstitel "Meena" wirft zu Beginn des Albums die ganze expressive Substanz in die Waagschale. Es fasziniert dabei vor allem, wie die Phrasierungskunst von Simin Tander s Stimme auch für den Rest der Band den organischen Atem vorgibt. Basierend auf einem Sufi-Gedicht des Mystikers Rahman Baba und einer Melodie des afghanischen Musikers Ustad Mohammad Din Zakhel, transformiert Tander dieses kulturelle Erbe in eine zeitgenössische, zeitlose Dimension.

Das neapolitanische Liebeslied "I Te Vurria Vasà" wird in Tanders Interpretation zu einer meditativen Erkundung der Sehnsucht. Süditalien und Zentralasien scheinen hier einen gemeinsamen Nenner zu haben, wenn es um die universelle Sprache der Emotion geht. "Janana Sta Yama" hingegen vibriert vor rhythmischer Energie. Die paschtunische Volksmelodie wird zum Vehikel für eine kollektive Expression, die die Grenzen zwischen archaischer Tradition und zeitgenössischer Improvisation verschwimmen lässt.

Poetische Reise durch verschiedene Kulturen

In ihren Eigenkompositionen offenbart Tander ihre Qualitäten als Songwriterin. "Woken Dream" mit seinen hypnotischen Patterns und "The Wind Within Her" mit seiner zyklischen Struktur reflektieren fundamentale menschliche Erfahrungen. Auch zur nordischen Kultur hat Simin Tander einen tiefen Bezug, was sich im Stück "My Weary Heart" offenbart, einer Adaption eines norwegischen Kirchenliedes, die Tander mit dem Pianisten Tord Gustavsen arrangiert hat – natürlich ohne religiöse Dogmatik, dafür mit umso mehr Transzendenz und innerem Frieden.

Die eindringliche Stimme, die sich hier erhebt, ist keineswegs auf die in Köln lebende Musikerin beschränkt, denn sie geht aus der Gesamtheit der Band hervor – Harpreet Bansal (Violine), Björn Meyer (E-Bass) und Samuel Rohrer (Percussion). Meyers Bass, oft präpariert und mit subtilen elektronischen Erweiterungen versehen, schafft resonante Klangräume von erstaunlicher Tiefe. Samuel Rohrers perkussives Spiel oszilliert zwischen Ruhe und impulsiver Energie, um die emotionale Rhetorik der weitgespannten Kompositionen zu unterstreichen.

Die große Bereicherung ist die Violinistin Harpreet Bansal mit ihrer besonderen, an Raga-Traditionen erinnernden Spielweise – nachdem sie schon viele Livekonzerte für besondere Momente sorgte, ist sie nun eine weitere, eigenwillig präsente Stimme als Ergänzung zu der Gesangskunst der Bandleaderin.

"The Wind" verkörpert eine hochempfindsame Balance zwischen kompositorischer Raffinesse und improvisatorischer Freiheit, zwischen kultureller Spezifik und universeller Ansprache, zwischen intellektueller Tiefe und emotionaler Unmittelbarkeit. Das titelgebende Bild des Windes passt hier perfekt – geht es doch um jenes Element, welches Grenzen überwindet, sich ständig wandelt und doch seine Essenz bewahrt, um damit Grenzen unserer musikalischen und kulturellen Vorstellungskraft neu zu verhandeln.

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