Sheen Trio
Transitory
TEXT: Stefan Pieper |
Selten klang Freiheit so dringlich, so verletzlich und so kompromisslos wie auf „Transitory“, dem zweiten, überragenden Album des Sheen Trios.
„Würde ich dort diese Musik spielen, landete ich sofort im Gefängnis.“ Diesen Satz sagte Shabnam Parvaresh beim JOE-Festival in Essen, beiläufig fast, und doch hallt er lange nach. „Dort“, das ist der Iran, den die Bassklarinettistin vor mehr als zehn Jahren hinter sich gelassen hat. Mit dem Sheen Trio nimmt sie sich eine künstlerische Freiheit, die andernorts lebensgefährlich wäre. Auf „Transitory“ gewinnt diese Freiheit zwei Gesichter: das eines rockigen, mitunter trotzigen Aufbegehrens und das einer Lyrik, deren Aufrichtigkeit einen unvermittelt anrührt. Zwischen diesen Polen spannt sich ein Energiefeld, in dem nichts lange stillhält. Eben noch knirscht und schlingert die Musik, stemmt sich in kantigen Unisono-Figuren gegen die eigene Fliehkraft, als wolle sie gleich aus den Fugen geraten. Im nächsten Moment öffnet sich ein Raum von fast schmerzlicher Stille, in dem eine einzelne Melodie hängt wie Frühnebel über einem Tal.
Keiner der beiden Pole entwertet den anderen. Beides klingt wie zwei ehrliche Antworten auf dieselbe Erfahrung des Übergangs, auf das Vorläufige, das schon der Albumtitel im Namen trägt.Getragen wird dieser Spannungsbogen von drei Musikern mit ausgeprägtem Profil. Shabnam Parvareshs Bassklarinette und Ula Martyn-Ellis’ E-Gitarre sind zwei starke, ungemein wandelbare Stimmen. Mal kreischt die Klarinette in grellen Höhen, dass es wie ein Aufschrei durch den Raum fährt. Dann nimmt sie sich zurück, wird dunkel, warm und beinahe zärtlich. Martyn-Ellis wiederum pendelt zwischen rauen, punkig angerauten Riffs und filigranen, wie aus dem Halbschatten gesponnenen Figuren. Beide beherrschen ihr Instrument vollendet und setzen dieses Können mit großer Fantasie und noch mehr Wandelbarkeit ein. Philipp Buck ist am Schlagzeug der ruhende Pol in diesem Kräftespiel. Er verschiebt Gewichte, lässt Luft, wo Stille gefragt ist, und hält selbst die wildesten Ausbrüche zusammen.
Mit dem Material zur starken Einheit verwachsen
Man hört diesen Stücken an, dass sie auf vielen Konzertbühnen gereift sind, denn alle drei klingen wie mit dem Material zu einer starken Einheit verwachsen. Die politische Dimension von „Transitory“ liegt in der Biografie der Bandleaderin. Mehr noch zeigt sie sich in der Selbstverständlichkeit, mit der Parvaresh ihren eigenen musikalischen Regeln folgt. Hier erklingt eine Freiheit, die anderswo konkret bedroht ist, aber die instrumentale Musik auf diesem Album muss sie nirgends plakativ ausstellen. Sie lebt in ihren Brüchen und Richtungswechseln und einer Klangfantasie, die sich jeder bequemen Glättung verweigert. Dass Shabnam Parvaresh diese Haltung längst über das eigene Trio hinausträgt, belegt ihre kuratorische Arbeit. Sie hat in diesem Jahr die künstlerische Leitung des Morgenland Festivals Osnabrück übernommen und dort im März 2026 das Festival Jazz49 mitbegründet. Wer all das unmittelbar erleben will, hat am 22. Oktober in Köln Gelegenheit, wenn das Trio beim Multiphonics-Festival (im Doppelkonzert mit Jin Jim auftritt.)
Termine: 22.10.2026, 19 Uhr, Altes Pfandhaus Köln (Multiphonics-Festival, Doppelkonzert mit Jin Jim) · 30.10.2026, Jazzfest Berlin
