SCHMID's HUHN
Hindemith Abstractions
TEXT: Stefan Pieper |
Was passiert, wenn ein improvisierendes Quartett Paul Hindemith nicht nachspielt, sondern weiterdenkt? Man könnte es sich einfach machen und ein altes Werk respektvoll ins Heute holen. SCHMID's HUHN macht das genaue Gegenteil: Die Band nimmt Hindemith beim Wort und lässt ihn dann los. Ausgangspunkt des vierten Albums ist dessen Komposition „Des kleinen Elektromusikers Lieblinge", ursprünglich für drei Trautonien geschrieben – ein sperriges, elektronisches Frühwerk, das man kaum als Jazzvorlage vermuten würde. Genau darin liegt der Reiz.
Stefan Karl Schmid (Tenorsaxofon), Leonhard Huhn (Altsaxofon), Stefan Schönegg (Bass) und Fabian Arends (Schlagzeug) behandeln Hindemiths Material nicht als Denkmal, sondern als Steinbruch. Was sie herauslösen – eine Wendung hier, eine harmonische Idee da, eine Formidee als Gerüst –, dient als Zündfunke, aus dem die vierteilige Suite „The Little Jazz Musician's Favorites" entsteht. Man hört, wo die Vorlage herkommt, aber nie hört man ihr beim Gehorchen zu. Die vier sind emanzipiert genug, aus jedem geliehenen Baustein etwas Eigenes zu formen, und kippen die Themen genau in dem Moment ins Freie, in dem eine brave Bearbeitung sie festhalten würde.
Das Schöne ist die Bandbreite der Temperamente, die dabei aufscheint. Mal schlank und unangestrengt, mit jener kühlen Eleganz, die im Jazz eine lange Tradition hat; mal vertrackt und kantig, wenn sich die Linien zu komplexen Gebilden verschränken; dann wieder ganz offen, wenn die Musik jede Vorgabe hinter sich lässt. Schönegg und Arends halten das Ganze nicht einfach zusammen, sie treiben es voran, öffnen Räume, ziehen den Boden weg und legen ihn woanders wieder hin.
Zwei Saxofonstimmen in dichtem Bezug zueinander
Faszinierend mitzuverfolgen ist vor allem, wie die beiden Saxofone immer wieder in dichter, reibungsvoller, aber auch sehr verstehender Interaktion aufeinander bezogen sind. Tenor und Alt, wie zwei Stimmen, umkreisen einander, reiben sich, antworten, fallen sich ins Wort – und aus dieser Zwiesprache entsteht eine Spannung, die kein Arrangement vorschreiben könnte. Hier zeigt sich das über Jahre gewachsene Vertrauen der Band in seiner reinsten Form: zwei Stimmen, die genau wissen, wie weit sie sich voneinander entfernen dürfen, ohne den Faden zu verlieren.
Den zweiten Teil des Albums bestreitet das fünfteilige, vollständig frei improvisierte „Reflections on Hindemith". Kein festgelegtes Material mehr, nur noch eine Haltung, die dem Geist des Komponisten näher kommt als jedes Notat: erspielt aus dem Moment, präzise und energisch zugleich. Dass das trägt, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern die Frucht von über dreizehn Jahren gemeinsamer Bandgeschichte in der Kölner Szene.
„Hindemith Abstractions" ist damit ein weiterer, konsequenter Schritt, der zwei Bewegungen zusammenbringt, die sich sonst gern ausschließen: mehr Zuspitzung und mehr Freiheit auf einmal. Ein Album, das aus einer historischen Vorlage keine Verbeugung macht, sondern ein Sprungbrett – und das umso freier wird, je weiter es sich von seinem Ausgangspunkt entfernt.
