Reza Askari Quintet
xAYb v8v dYAx
TEXT: Stefan Pieper |
Seit gut einem Jahrzehnt lotet der Kölner Bassist Reza Askari mit seinem Roar-Projekt die Grenze zwischen Komposition und freier Improvisation aus. Was als Trio begann, ist inzwischen zum Quintett gewachsen, in dem Christopher Dell und Lina Allemano der Musik neue Reibungsflächen geben. „xAYb v8v dYAx" ist das fünfte Album dieser Reise – und ihr bislang dichtestes.
Reza Askari denkt vom Bass her, nur eben nicht als Begleiter. Schon der kryptische, spiegelverkehrt gebaute Titel „xAYb v8v dYAx" macht klar, dass hier nichts geradlinig läuft – und das fünfte Album seines Roar-Projekts, erschienen beim Kölner Label Boomslang, löst dieses Versprechen ein. Der Kontrabass ist hier so etwas wie der Kompass einer Band, die sich polymetrisch und polytonal ständig neu vermisst. Was der Kölner Bassist und Würzburger Hochschulprofessor da mit Stefan Karl Schmid (Saxophone, Klarinette), Lina Allemano (Trompete), Christopher Dell (Vibraphon) und Fabian Arend (Schlagzeug) hinlegt, ist kollektive Improvisation von der Sorte, bei der niemand mehr etwas beweisen muss. Angefangen hat Roar als Trio von Askari, Schmid und Arend. Mit Christopher Dell rutschte die Band in jenen Grenzbereich zwischen Kammermusik und Echtzeitkomposition, der in Köln eine lange Tradition hat – nachzuhören auf dem selbstbetitelten Debüt (2022) und „Zen World Cables" (2024). Dell bringt jenes strukturelle Denken mit, das man auch aus seiner Arbeit mit Christian Lillinger kennt und das Improvisation und Komposition längst nicht mehr als Gegensätze behandelt. Trompeterin Lina Allemano, pendelnd zwischen Toronto und Berlin, steuert eine Stimme bei, die kommentiert, unterläuft, zündet – und die Absprachen der anderen genüsslich aufbricht.
Transparenz gehört zum Anliegen
Aufgenommen wurde akustisch und unverstärkt im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks. Für den transparenten Sound sorgen Eva Pöpplein und Caroline Thon , und das ist mehr als eine technische Fußnote: Erst diese Durchhörbarkeit zeigt, wie fein die fünf ihre Ebenen ineinander schieben. Arends Schlagzeug setzt Marken, ohne bloß zu markieren; Dells Vibraphon öffnet einen silbrig schimmernden Raum und stapelt verschachtelte Patterns übereinander, die Akzente immer um Haaresbreite verschoben; Schmid deckt an Blasinstrumenten eine enorme Bandbreite ab.
Die Überzeugungskraft dieses Quintetts liegt nicht zuletzt darin, dass sich hier niemand in den Vordergrund drängt. Die Führung wandert, mal übernimmt der Bass, mal legt das Vibraphon eine Spur, mal reißt die Trompete das Ruder herum – und im nächsten Moment ist wieder alles offen. Reduktion und Dichte wechseln sich ab, ohne dass man den Schnitt kommen sieht. Wer Themen und Refrains sucht, ist hier falsch; wer sich auf den Fluss einlässt, merkt schnell, wie viel Zug in dieser Musik steckt. Am Ende steht ein Gewebe, das offen bleibt und trotzdem etwas architektonisch Verbindliches hat. Manchmal ballt es sich zur Klangwolke, die einen einfach hineinzieht. Das Ganze verkörpert ein regelrechtes Denksystem, ohne je kopflastig zu werden: abstrakt ja, formlos nie. Und weil kaum eine Passage sich beim zweiten Hören genauso verhält wie beim ersten, ist „xAYb v8v dYAx" eine dieser Platten, die man immer wieder auflegt – nicht, um sie zu entschlüsseln, sondern weil sie jedes Mal woanders hinführt.
Reza Askari Roar Quintet: xAYb v8v dYAx
