Reis – Demuth – Wiltgen
Freedom Trail
TEXT: Stefan Pieper |
Was passiert, wenn ein Jazztrio, das seit über einem Vierteljahrhundert zusammen arbeitet, seine eigene Musik plötzlich durch das Prisma eines Sinfonieorchesters betrachtet? Im Falle von Reis Demuth Wiltgen passiert etwas sehr Erfreuliches: Die Musik wird größer, ohne sich von sich selbst zu entfernen.
„Freedom Trail" vereint das luxemburgische Trio um den Pianisten Michel Reis, den Bassisten Marc Demuth und den Schlagzeuger Paul Wiltgen mit der Luxembourg Philharmonic unter der Leitung des siebenfachen Grammy-Preisträgers Vince Mendoza. Und man muss es gleich sagen: Das hier ist kein Crossover-Projekt, bei dem Jazz und Klassik höflich nebeneinander herplätschern. Was Mendoza und Reis in ihren Arrangements geschaffen haben, ist ein organisches Ganzes – heraus kam ein Klangkörper, in dem die intime Triosprache und die orchestrale Weite einander gegenseitig befeuern.
Gastspiel von Joshua Redman
Auf drei Stücken ist der international gefeierte Saxofonist Joshua Redman zu hören – und hier die Geschichte dazu: 2014 spielten Reis Demuth Wiltgen beim Festival Charlie Free im südfranzösischen Vitrolles als Vorgruppe für Redmans Quartett. Redman hörte die drei Luxemburger zum ersten Mal – und war, wie er selbst sagt, auf der Stelle in ihre Musik verliebt. Immerhin: Ein Saxofonist von Redmans Kaliber begann, Kompositionen dieses damals international noch kaum bekannten europäischen Trios in sein eigenes Repertoire aufzunehmen und sie mit seinen eigenen Bands zu spielen. 2016 standen sie beim Festival Printemps Musical in Luxemburg erstmals gemeinsam auf der Bühne. Im Frühjahr 2018 folgte eine ausgedehnte Europa-Tournee als Quartett – durch Ungarn, Italien, die Schweiz, die Niederlande und Deutschland. Den Höhepunkt dieser Tour bildete ein Konzert in der Philharmonie Luxembourg, bei dem erstmals die Trio-Kompositionen in Vince Mendozas Orchesterarrangements mit der Luxembourg Philharmonic erklangen. Die Initialzündung für das vorliegende Album war geboren – auch wenn die Pandemie die Einspielung dann mehrfach verzögerte, bis das Projekt im Juli 2022 endlich in der Philharmonie Luxembourg aufgenommen werden konnte.
Da ist etwa der Titeltrack „Freedom Trail", der sich über neuneinhalb Minuten entfaltet wie eine filmische Erzählung. Redmans Saxofon schält sich aus dem Orchesterklang heraus, als würde eine einzelne Stimme plötzlich das Wort ergreifen in einer großen Versammlung. Was diese Aufnahme auszeichnet, ist ihre Fähigkeit, zwischen Intimität und cineastischer Dimension zu pendeln, ohne dass es je forciert wirkt. In „Catherine's Song" verdichtet sich das Zusammenspiel von Trio, Saxofon und Orchester zu einer lyrischen Miniatur von berückender Zartheit. Ganz anders „Viral" und „Home Is Nearby", zwei Kompositionen von Schlagzeuger Paul Wiltgen, die Michel Reis für die erweiterte Besetzung arrangiert hat – hier pulsiert eine rhythmische Energie, die das Orchester nicht bändigt, sondern vielmehr in neue Farben taucht. „Dante", die einzige Komposition von Marc Demuth, wiederum in Mendozas Arrangement, öffnet noch einmal ganz andere Räume – dunklere, dramatischere vielleicht, aber immer durchdrungen von jener erzählerischen Qualität, die diese Band seit ihren Anfängen als Schulfreunde in Luxemburg auszeichnet.
Man darf nicht vergessen: Die drei kennen sich seit 1998, seit der Schulzeit. Sie haben sich getrennt, um die Welt zu erkunden – Michel Reis ging ans Berklee College of Music und ans New England Conservatory, studierte bei Danilo Perez und Ran Blake, tauchte danach in die New Yorker Szene ein. 2011 fanden sie wieder zusammen, reifer und weltläufiger. Dass nun ein Joshua Redman ihre Stücke spielt und ein Vince Mendoza sie orchestriert – das ist die logische Konsequenz einer Musik, die immer schon größer gedacht hat, als es das intime Trioformat vermuten ließ.„Freedom Trail" erscheint am 19. Juni 2026 bei Cam Jazz, im Vertrieb von Harmonia Mundi – auf Vinyl und CD.
