Qin Tang & Claudius Reimann
ZhengxPhon 真逢
TEXT: Stefan Pieper |
Die TonkunstManufaktur ist eigentlich dafür bekannt, abstrakten Klangerkundungen an den äußersten Rändern von Musik und Improvisation eine leidenschaftliche Stimme zu geben. Umso überraschender ist, was hier geschieht. Claudius Reimann , Saxophonist und Kontrabassklarinettist, trifft auf die Guzheng-Spielerin Qin Tang, und dann wird einfach gespielt, mit hörbar großem Spaßfaktor. Die Initialzündung kam im Herbst 2025: Beide standen am selben Abend auf einer kleinen Bochumer Bühne, jeder mit eigenem Programm, und waren voneinander angetan. Der Albumtitel „真逢" verspricht eine wahrhaftige Begegnung, und genau die löst diese Musik ein.
Die beiden lassen es zunächst entspannt und luftig angehen. Feinsinnig perlen die Spielfiguren der Guzheng, die durchaus einer europäischen Zither verwandt ist. Pentatonische Linien des fernen Ostens treffen auf einen Blues-Shuffle, und diese Welten liegen gar nicht so weit auseinander. Unter sinnliche Glissandi legt Reimann als Grundierung den tiefen, knatternden Sound der Kontrabassklarinette. Doch wer glaubt, das Duo würde sich in dieser Stilistik festbeißen, liegt weit daneben. Entschleunigt geht es weiter, mit einem in sich ruhenden Ostinato und lang ausgehaltenen Tönen.
Schwebezustände sind erlaubt
Im dritten Stück steigt Reimann mit dem Sopransaxophon in eine andere Höhenlage. Jetzt wird es arabisch oder vorderasiatisch, wie man es nimmt. Reimann übernimmt die schön singende Melodieführung, die Guzheng begleitet und grundiert. Danach versetzt eine rätselhafte Ganztonskala den Hörer erst einmal in den Suchmodus auf der musikalischen Landkarte. Vorsichtig und beschwörend tastet sich das Spiel in Gefilde jenseits des Festgefügten. Und es geht noch reduzierter: eine minimalistische Tonfolge auf der Kontrabassklarinette, mehr gehaucht als gespielt, darüber eine schwerelose pentatonische Figur. Schwebezustände sind ausdrücklich erlaubt.
Die Faszination im Detail kommt dabei nie zu kurz. Auf der Guzheng gibt es raffinierte Vibrato-Effekte und Auszierungen. Mit Zunge und Lippen erzeugt Reimann Geräusche, durch die die Holzblasinstrumente zu Perkussionsinstrumenten werden. Immer wieder geht es um das Spiel mit Tonskalen und deren feinfühlige Umkleidung. Mal spielen sich die beiden in einen regelrechten Rausch, doch stets dosieren sie ihr Temperament zugunsten der Aussage. Kunstvoll ziselierte Virtuosität auf der Guzheng begegnet Reimanns Instrumentarium mit all seinen Spieltechniken und Registern. Man ist von diesem engagierten Musiker viel Gutes gewohnt und staunt doch erneut, wie locker und souverän er die Musikalität ganz unterschiedlicher Stile der Welt zum Klingen bringt.
Am Ende wird die Kontrabassklarinette zur mächtigen Groove-Maschine. Noch einmal gibt es eine pentatonische Improvisation, pumpende Bassregister und das fauchende Grollen dieses großen, schweren, glänzenden Wunderwerks. Dann nimmt der Club-Mix seinen Lauf, und ein Instrument, dessen Wurzeln über zwei Jahrtausende zurückreichen, landet auf dem Dancefloor.
Die Überzeugungskraft dieses Albums liegt in der Musikalität der beiden, in ihrer spontanen Einfühlungsgabe und in ihrem Zuhören. Herausgekommen ist eine nahbare, oft lyrische, leichtfüßige Musik, getragen von Reimanns einfühlsamer Art, Klangfarben aufzutragen. Auf rund fünfzig Minuten entfaltet „ZhengxPhon 真逢" eine Musik der leisen Kühnheit, die jede Exotik-Pose und jeden Weltmusik-Kitsch verweigert. Stattdessen gibt es zwei Menschen, zwei Traditionen und einen gemeinsamen Atem. Dass so etwas aus einem zufälligen Abend in Bochum entstehen kann, gehört zu den schönen Gewissheiten dieser Region: Hier wachsen die spannendsten Dinge oft abseits der großen Bühnen.
Qin Tang & Claudius Reimann : „ZhengxPhon 真逢" (TonkunstManufaktur, 2026)
