Nils Wogram / Jim McNeely / hr-Bigband
Trilogue+15
TEXT: Stefan Pieper |
Wer sich an Albert Mangelsdorffs „Trilogue" heranwagt, betritt ein Gelände, das im europäischen Jazz seit fünfzig Jahren als unbetretbar gilt. Jene drei Trio-Aufnahmen vom Herbst 1976, in denen der Frankfurter Posaunist gemeinsam mit dem Bassisten Jaco Pastorius und dem Schlagzeuger Alphonse Mouzon auf den Berliner Jazztagen einen eigenen Kosmos eröffnete, gehören zu jenen Stoffen, an deren Wirkungsmacht bis heute fast jeder Nachfolger zerschellt. Drei kompromisslose Hörweisen fanden an diesem Abend zu einem Geflecht aus Wechselrede und Erfindung zusammen, dem hinzuzufügen sich kaum jemand getraut hat.
Dass es nun dennoch gelingt, sehr gut sogar, liegt an einer ungewöhnlichen Konstellation, die der Posaunist Nils Wogram, der amerikanische Arrangeur Jim McNeely und die hr-Bigband 2018 beim Deutschen Jazzfestival Frankfurt zusammenführten. Acht Jahre hat es gebraucht, bis dieser Abend jetzt als „Trilogue+15" erscheint – ein Live-Mitschnitt, dem man die Wartezeit nicht anhört, eher eine, die sich gelohnt hat.
Im Schatten des Posaunenheiligen
Wogram betritt diese Bühne ausgerechnet in Frankfurt, jener Stadt, in der Mangelsdorff zu Lebzeiten beheimatet war und nach seinem Tod 2005 endgültig zur lokalen Ikone wuchs. Ein heikleres Publikum für ein solches Projekt ist schwer denkbar – im Saal saßen Menschen, die den Posaunisten persönlich gehört, manche ihn gekannt hatten. Wogram, dem dessen Sprachschatz vertraut ist wie jedem Posaunisten seiner Generation, sucht weder die Imitation noch den demonstrativen Eigensinn, sondern einen dritten Weg: Er lässt das Vokabular des Älteren durch sich hindurchsprechen, ohne sich darin zu verlieren. Was man hört, ist nicht Mangelsdorffs Ton, und doch ist sein Atem darin. Eine Form respektvoller Aneignung, die das eigene Gewicht behält.
Die zweite Spannungsachse verläuft zwischen Wograms Kern-Trio – mit Hans Glawischnig am Bass und Paul Höchstätter am Schlagzeug – und dem Großensemble. Während dieses Trio mitunter überraschend nah an die Klangwelt der Vorlage herantritt, weicht McNeelys Arrangement bewusst aus, öffnet Räume, fächert auf, was 1976 in der Verdichtung dreier Stimmen entstand. Holzbläser, ein voller Blechsatz, eine Gitarre, dazu das eigene Idiom einer großen Sektion – all das, was die drei Originalstimmen nicht zur Verfügung hatten, tritt hier nicht als Verzierung ins Spiel, sondern als kompositorische Erweiterung. McNeely überträgt nicht, er hört nach: Wo lag die improvisatorische Logik der drei Stimmen, und wie lässt sie sich in die völlig andere Physik eines großen Apparats überführen, ohne ihr Tempo, ihre Atemräume zu verlieren?
Die Antwort liegt in einer Dramaturgie, die sich Zeit nimmt. Diese Arrangements drängen nirgends, sie blühen aus. Wogram bekommt Raum für lange, suchende Linien, das Trio darf hörbar werden auch dort, wo das Orchester nur leise atmet, und dann wieder fluten massive Tutti den Saal, ohne dass die Konturen verschwimmen. Vieles spielt sich im Mittelgrund ab, dort, wo musikalisches Denken Form annimmt, ohne sich gleich als Ergebnis zu präsentieren.
Was diese Aufnahme so eigen macht, ist auch der Mitschnittcharakter selbst. Das Publikum ist dabei, hört, atmet mit, und der Applaus am Ende trägt eine Färbung, die man im konzertanten Jazz selten so deutlich hört: nicht bloß Beifall, sondern ein leises, ungläubiges Mitgehen. Ein Moment, in dem hörbar wird, dass an diesem Abend etwas geglückt ist, was sich nicht planen lässt. „Trilogue+15" ist kein Tribut im üblichen Sinn. Eher ein langer, sorgfältig formulierter Brief an ein Album, das niemandem gehört und doch allen, die es geprägt hat. Dass dieser Brief nun veröffentlicht wird, ist mehr als verdient.
