Bild für Beitrag: Neues aus der CD Welt | Christoph Gieses Schnelldurchlauf Vol. 85

Neues aus der CD Welt

Christoph Gieses Schnelldurchlauf Vol. 85

Gelsenkirchen, 09.09.2026
TEXT: Christoph Giese | 

KANCHA LANKA KOALITION: „Kanal“ (XJazz Music)

Funkig und groovig legt dieses Quartett gleich mal los im Opener des neuen Albums. Das heißt „Kanal“ und soll die Energie einer Fahrradfahrt einmal quer durch Kreuzberg reflektieren. Aber auch der Landwehrkanal verläuft durch diesen kunterbunten Bezirk Berlins. Die Berliner Kancha Lanka Koalition paart ihre funkigen Grooves mit rhythmischer Raffinesse und Vielfalt und mit Einflüssen, die an den Grenzen des Jazz nicht Halt machen. Aber wer braucht Stiltreue, wenn eine Musiik so viel Spaß macht wie hier. Der deutsch-indische Gitarrist Julian Datta, der österreichische Trompeter Richard Koch, der schweizerisch-bolivianische Bassist Rafael Espinoza sowie der kolumbianische Drummer Javier Reyes bilden diese Multikulti-Band, die Kreuzberg energievoll und packend in Tönen beschreibt.

MAIK KRAHL: „Rain, Flowers And New Beginnings“ (Challenge Records)

Ihn noch Shootingstar zu nennen, das passt schon längst nicht mehr. Zu sehr hat der Wahlkölner Trompeter und Komponist Maik Krahl bereits seine Spuren hinterlassen in den letzten Jahren, vor allem in der nationalen Jazzszene. Sein neues, im Quartett eingespieltes Album besticht einmal mehr durch sein lyrisches Trompetenspiel in den neun, allesamt von ihm selbst gschriebenen Stücken Musik. Es sind gefühlvolle, emotionale, entspannt fließende Modern Jazz-Nummern, zeitlos schön und elegant. Und in zwei Stücken veredelt Sängerin Tamara Lukasheva diese stimmungsvolle Atmosphäre noch mit ihrem zauberhaften Gesang.

SOULOUNGE: „Keep The Funk Alive“ (Chefrecords Ratekau)

Wie die Zeit vergeht! Vor einem Vierteljahrhundert gründeten Gitarrist Sven Bünger und Schlagzeuger Bela Brauckmann die Soulounge, die sich rasch als Sprungbrett für Gesangstalente entpuppte. So schafften SängerInnen wie Roger Cicero, Johannes Oerding oder Miss Platnum den Sprung ins nationale und internationale Rampenlicht. Und die Band teilte sich bei Liveauftritten auch mal die Bühne mit Weltstars wie James Brown oder George Benson. Regelmäßige Live-Jams in Berlin und Hamburg zogen zudem viel Publikum an. Mit „Keep The Funk Alive“ gibt es pünktlich zum Band-Jubiläum ein Album das in überwiegend eigenen Kompositionen süffigen Soul mit Funk verbindet und einmal mehr hörenswerte neue Stimmen präsentiert. Etwa die des jungen Hamburger Singer/Songwriters Phil Siemers, der vor allem im stampfend-groovenden Song „Worked Up“ mit einer unglaublichen Lässigkeit viel Soul verströmt beim Singen. Ob Motown oder Northern Soul, poppiger Funk oder das samtige „After All“ mit dem ehemaligen Soulounge-Sänger Johannes Oerding - diese Platte bietet durchweg beste, soulige Unterhaltung. Und von SängerInnen wie Moritz Kruit, Jules oder Lara Steenblock wird man zukünftig sicher auch noch mehr hören.

PIOTR SCHMIDT: „Komeda´s Songs Without Words“ (SJ Records)

Nicht num ersten Mal interpretiert Piotr Schmidt, der im vergangenen Jahr mal wieder zum Trompeter des Jahres in Polen gekürt wurde, Musik des großen, viel zu früh verstorbenen polnischen Komponisten Krzysztof Komeda. Das Besondere an dieser Einspielung, der Albumtitel beschreibt es schon, ist dass ikonische (Film-)Musiken Komedas hier rein instrumental gespielt werden. Was Komeda sicher gefallen würde, sah er sich doch zeitlebens als Komponist und nicht als jemand der Musik zu Songtexten lieferte, auch wenn er das speziell für seine bekannten Filmmusiken eben auch tat. „One Hundred Years“ war so ein Stück, eine melancholische Ballade, geschrieben für das US-Gefängnisdrama „The Riot“, damals gesungen von Bill Medley. In der Live-Instrumentalversion von Piotr Schmidt und seinem polnischen Sextett, in dem der französische Perkussionist Mino Cinelu immer wieder wunderbare Akzente setzt, klingt das Stück fast beschwingt, positiv, anders. Alle sieben Transformationen von den so zeitlosen Komeda-Songs auf dem live beim Love Polish Jazz Festival in Tomaszów Mazowiecki in der Nähe von Łódź aufgenommenen Album besitzen die melodische Schönheit von Krzysztof Komeda, aber auch die Handschrift der in modernen Jazz verpackten emotionalen Erzählungen eines Piotr Schmidt.

ACHIM SEIFERT PROJECT: „Woven Strings“ (Traumton Records)

Sein „Project“, das gibt es nun schon anderthalb Jahrzehnte. Dass Achim Seifert seine Band nicht Band nennt, liegt vielleicht auch daran, dass jede Aufnahme anders ist, anders sein möchte, auch was Besetzung und Musiker betrifft. Auf seinem letzten Album „Dünyalar“ war er im Sextett auf Spurensuche nach den Wurzeln seines türkischstämmigen Vaters. Jetzt wieder eine neue Formation, ein Quartett. Mit Schlagzeuger Rafa Müller, Saxofonist Hayden Chisholm und Pianist Lars Duppler spielt der Bassist, der sonst bei Trilok Gurtu, Udo Lindenberg oder Eko Fresh für die Grooves sorgt, eine Musik, die weniger vertrackt als harmonisch offen gestaltet ist. Seifert hat Stücke komponiert, die melodisch stark sind, deren Arrangements kompakt sind und die trotzdem allen Beteiligten ihre Räume geben sich ganz pesönlich auszudrücken. Vor allem Hayden Chisholm besticht da mit seinem gefühlvoll eingesetzten Klangfarbenreichtum. Achim Seifert selbst hält das Ganze mit wohlig warmen Pulsschlägen zusammen, soliert zwar auch, aber nie um des Solierens willen. Und so verflechten sich die Zutaten der einzelnen Musiker auf „Woven Strings“ wunderbar zu entspannt fließenden, zeitlos schön tönenden Klangbildern.

PHILIPP RÜTTGERS TRIO: „Re:Satie Picturing The Invisible“ (ZenneZ Records)

Musik von Erik Satie aus dem frühen 20. Jahrhundert als Inspiration für eine Transformation der Ideen und Motive des exzentrischen, französischen Komponisten in eine eigene, selbstkomponierte Jazzsprache – das Philipp Rüttgers Trio macht genaus das auf seinem neuen Album. Es denkt Satie neu. Würde der vor gut 100 Jahren in Paris Verstorbene vielleicht heute so oder so ähnlich klingen und Musik machen? Man wird es nie wissen. Aber Pianist und Komponist Philipp Rüttgers formt zusammen mit Bassist Omer Govreen und Schlagzeugerin Sun-Mi Hong aus Motiven Saties, bekannten und weniger bekannten, berührende, moderne Jazzstücke. Wenn man etwa das hier als verträumte Jazzballade interpretierte Stück Saties „Gymnopédie“ hört, ist das in seiner Stimmung gar nicht mal so weit vom Original entfernt, aber doch mit ganz eigenem Charakter versehen. Und „Gnossiene“ als groovend-verspielte Jazznummer , auch das einer von vielen memorablen Momenten dieser Einspielung.

DIMA BONDAREV: „Silence Is Complicity“ (Dnipro & Kruchi)

Ein Albumtitel mit durchaus auch politisch zu deutender Konnotation und Musik, die direkt und geradeaus ist. Das ist das neue Album des ukrainischen Trompeters Dima Bondarev. Eingespielt mit seinem Landsmann Igor Osypov an Gitarre, Bass und Keyboards sowie dem US-Schlagzeuger Jim Black dürfen sich Freunde von Post-Rock und Fusion-Jazz freuen. Denn dazwischen bewegen sich die elf Kompositionen des Trompeters. Mit kraftvollen, rhythmisch komplexen Stücken, mit dem Trompetenklang als Fixpunkt, aber auch schönem Zusammenspiel aller drei Musiker. Etliche Balladen drehen die Stimmung des Albums immer wieder. So mangelt es beim letztjährigen Preisträger des Deutschen Jazzpreises in der Kategorie Blechblasinstrumente auch nicht an Vielfalt und Abwechslung.

QUADRO NUEVO meets MARION & SOBO: „Belle Histoire“ (GLM/Fine Music)

TIM COLLINS & MULO FRANCEL: „How Did We Get Here?“ (GLM/Fine Music)

Mit Sängerin zu arbeiten war nie die Idee der seit 30 Jahren schon so erfolgreichen, deutschen Weltmusikband Quadro Nuevo. Mit der französischen Sängerin Marion Lenfant-Preus und dem polnischen Gitarristen Alexander „Sobo“ Sobocinski von der Gypsy-Jazz- und Folkband Marion & Sobo aber haben sich Mulo Francel, Andreas Hinterseher und Didi Lowka nun doch zusammengetan. Und es passt auf „Belle Histore“ sehr gut. All fünf Beteiligten an diesem gemeinsamen Album fühlen sich nämlich musikalisch auf dem ganzen Globus wohl und zuhause. Und das hört man in jedem der elf Stücke, von der Titelnummer „Une Belle Histoire“ über Evergreens von Astor Piazzolla oder Charles Trenet, dem alten deutschen Schlager „Bei dir war es immer so schön“ oder in den zahlreichen eigenen Kompositionen. So mancher Song des Albums war schon vorher im Quadro Nuevo-Repertoire, schön jetzt die vokalen Neufassungen zu hören. Zusammen mit dem inzwischen in München lebenden, New Yorker Vibrafonisten und Marimbaspieler Tim Collins hat Quadro Nuevo-Saxofonist und Klarinettist Mulo Francel auch noch das Duoalbum „How Did We get Here?“ eingespielt. Ein Leckerbissen für Freunde, die klassischen Jazz mögen, der gespielt wird, um Musik atmen zu lassen, sich gegenseitig spielerisch zu umkreisen und ja, auch lustvoll zu improvisieren. Dabei ist das Songmaterial schon fast egal. Ein alter Traditional, Jazzstandards, Musik aus Brasilien oder Eigenes – hier sind zwei Meister am Werk, die sich gegenseitig zuhören und wunderschöne gemeinsame Klangwelten erschaffen.

Suche