Neues aus der CD-Welt
Christoph Gieses Schnelldurchlauf Vol. 84
TEXT: Christoph Giese |
ANTHONY STRONG: „And Then We Kiss…“ (Guaranteed! Records)
Weich, warm und wohlig klingen seine Stimme und sein Gesang. Wie geschaffen für ein Album mit vielen romantischen Stücken Musik wie sie auf dem neuesten Werk von Anthony Strong zu finden sind. Der britische Sänger und Pianist hat auf „And Then We Kiss…“ dreizehn bekannte Nummern aus Pop, Broadway und dem Great American Songbook neu aufbereitet und arrangiert für Jazzquintett und Streicher. Da swingt Cole Porters „Love For Sale“ lässig zum funkigen Gitarrensolo. Das großorchestral wirkende „My Favourite Things“ ist hier pure Eleganz voller Gefühl, während die sanfte Popnummer „If You Leave Me Now“ von Chicago, im Duett mit Pamina Beroff gesungen, und auch die eine oder andere sehnsuchtsvolle Ballade idealer Soundtrack sind für einen kuscheligen Abend auf dem Sofa.
DINO RUBINO: „Solitude“ (Tŭk Music)
SADE MANGIARACINA: „Prayers“ (Tŭk Music)
Zwei Silberlinge mit Eigenkompositionen, dazu eine weitere CD mit Jazzstandards – der sizilianische Pianist und Komponist Dino Rubino hält jede Menge Musik bereit für diejenigen die sich für sein neues Dreifachalbum „Solitude“ interessieren. Nach mehr als einem Jahrzehnt ist der Pianist für dieses Album zum klassischen Pianotrio zurückgekehrt. Mit Kontrabassist Marco Bardoscia und Schlagzeuger Stefano Bagnoli hat Rubino die insgesamt 33 Stücke eingespielt. Lyrisch und melodisch klar sind Rubinos Kompositionen, mal fein swingend, mal wunderschön balladesk. Hier musiziert ein Trio mit einer gemeinsamen Sprache zeitlos schönen Jazz. Und auch als Interpreten von Jazzstandards sind die drei Italiener eine Wucht. Labelkollegin, Landsmännin und ebenfalls Pianistin und Komponistin Sade Mangiaracina hat auch zu viel Musik für nur eine CD geschrieben, und so ist „Prayers“ ein Doppelalbum zwischen leidenschaftlichem, emotionalen Kammerjazz und rhythmisch belebenden Momenten geworden – mit zwei unterschiedlichen Gesichtern. Denn Prayers Volume 1 ist im Trio mit Bassist Marco Bardosca und Schlagzeuger Gianluca Brugnano eingespielt, das sehr lyrische Prayers Volume 2 mit Kontrabassist Salvatore Maltana und Trompeter Luca Aquino. Auf einigen Stücken auf beiden CDs ist zudem ein Streichquartett zu hören.
MARTIN IAIES: „People. Places. Music For Large Ensemble“ (Challenge Records)
Mit dem deutschen Saxofonisten und Klarinettisten Klaus Gesing als Special Guest hat der seit 2019 in Öterreich lebende, argentinische Gitarrist und Komponist Martin Iaies diese schöne Platte mit Musik für ein großes Ensemble mit einem Dutzend Musiern aufgenommen. Acht Stücke sind zu hören, davon sieben aus der Feder des Argentiniers. Herausgekommen ist ein moderner, ziemlich entspannter und dabei doch auch rhythmisch interessanter Bigband-Sound, der Jazz auch mal mit folkloristischen Elementen aus Argentinien kreuzt.
BRITTA REX MADAME PELE PROJECT:
„She Who Shapes The Land“ (Cattitude Records)
Was steckt hinter diesem Projekt? Es ist Madame Pele, die hawaiianische Göttin der Blitze, des Feuers, des Windes und der Vulkane. Was für eine Powerfrau hat sich Sängern Britta Rex für ihr aktuelles Projekt ausgesucht! Wilde Energie, die man auf „She Who Shapes The Land“ stellenweise auch hört. Auf einem Vokalalbum das erfrischend anders klingt. Schon deshalb weil der kraftvolle Gesang von Rex immer wieder von drei weiblichen Backgroundstimmen herrlich aufgefüllt und ausgemalt wird. Und dann klingen ihre Lieder, die sie mit einem Quartett mit Gitarre, Bass und Schlagzeug und ein wenig Keyboards präsentiert, wunderbar eigen und individuell. Poetisch und leise, nachdenklich, forsch und lässig und groovig, einfach in jedem Moment interessant und anders. Über Mut zur Veränderung singt Britta Rex hier, über neue Wege und die Freiheit sie zu gehen. Ganz stark.
ESTHER KAISER: „Breathing“ (Double Moon Records)
Ohne Atmen funktioniert das Leben nicht, schon gar nicht für den Menschen. Dem Atmen, dieser unabdingbaren menschlichen Erfahrung, hat Sängerin und Songschreiberin Esther Kaiser ihr neus Album gewidmet. Die Songs hat sie fast alle zusammen mit ihrem Pianisten Alexander Wienand geschrieben. Auch Flötist Tilmann Dehnhard hat ein Stück verfasst. Die Band komplettiert die Bassistin Athina Kontou. In dieser kammermusikalischen Besetzung ohne Schlagwerk erklingen elf wunderschöne, poetische Stücke Musik, die sich Zeit lassen zu wirken und einzudringen. Musik, die auch in ihren Texten Tiefe und Seele hat, aber auch einfach mal mit zarten Scat-Einlagen ausgekleidet wird. Oder mit eindringlichen Spoken Word-Zeilen aufhorchen lässt.
THE JOSHUA BREAKSTONE QUARTET: „Wonderful!“ (Capri Records)
Ist diese Platte spektakulär? Nein. Ist sie ein Meilenstein? Ebenfalls nein. Aber dennoch ist es eine wundervolle Idee vom Plattenlabel Capri Records das Album „Wonderful!“ des Gitarristen Joshua Breakstone neu aufzulegen, und das erstmals auf CD. Seit fast 40 Jahren waren diese Aufnahmen aus dem Jahre 1983 des damals noch jungen Amerikaners aus New Jersey vergriffen. Jetzt kann man die sieben Songs, davon zwei aus eigener Feder, wieder im heimischen Wohnzimmer hören. Mit Barry Harris (Piano), Leroy Williams (Schlagzeug) und Earl Sauls (Bass) swingt sich Breakstone mit eleganten Single Note-Linien lässig zwischen Bop und Swing durch das eigene Material oder Nummern von Gershwin, Tadd Dameron oder Django Reinhardt. Nicht spektakulär, wie gesagt, aber doch ziemlich hörenswert, auch nach all den vielen Jahren seit dem erstmaligen Erscheinen dieser Musik.
STEFON HARRIS & BLACKOUT: „Legacy Dances“ (Motéma Music)
Er ist mit nur 45 Jahren an einer Lungenarterien-Thromboembolie viel zu früh verstorben, der Saxofonist und Vocoder-Künstler Casey Benjamin. Bekannt auch durch seine Zusammenarbeit mit Robert Glasper, war er ein enger Freund von Vibrafonist Stefon Harris und Gründungsmitglied von dessen Band Blackout, die jetzt das 20-jährige Bestehen feiert mit „Legacy Dances“. Ein Album auf dem Casey Benjamin noch einmal mit seiner ganzen Klasse die Aufnahmen prägend zu erleben ist. Wie er etwa den Louis Armstrong-Klassiker „What A Wonderful World“ mit seinem durch einen Vocoder bearbeiteten Gesang definiert und zu einer genialen Version verwandeltt – diese Kunst wird man künftig vermissen. Aber diese Platte hat viele weitere Höhepunkte zu bieten. Die Version von King Olivers „West End Blues“, die auch durch Casey Benjamin auf seinem Aerophone ihre Charakteristik bekommt. Und natürlich die Nummern von Stefon Harris selbst, voller treibender Grooves und Coolness. „Legacy Dances“ bietet modernen Jazz, ohne zwanghaft hip klingen zu wollen.
SENDECKI & SPIEGEL: „Simple Game“ (Skip Records)
Klavier und Schlagwerk, mehr brauchen Vladyslav Sendecki und Jürgen Spiegel nicht. Der polnische Pianist und der deutsche, vom Tingvall Trio bekannte Schlagzeuger treffen sich auf „Simple Life“ schon zum dritten Mal für Aufnahmen in dieser intimen Duobesetzung, der es klanglich an nichts fehlt. Und wie gut sie sich inzwischen musikalisch verstehen, das hört man vom ersten bis zum, letzten Ton dieser Einspielung. Für die hat Sendecki fünf, Spiegel drei eigene Kompositionen beigesteuert. Jazzstücke voller poetischer Leichtigkeit und mit viel Seele, aber auch rhythmisch interessant und vorwärtsdrängend. Immer aber eingängig und dabei doch nie „cheesy“. Und mit wieviel Spielwitz sie bekannten Popnummern ein neues Kleid verpassen können, zeigt dieses Duo hier etwa in der Beatles-Nummer „Come Together“.
WAHLANDT / MORELLO / SVEN FALLER: „Only Hits“ (GLM/Fine Music)
Ein Album voller Coverversionen ist nun wirklich nichts Neues mehr. Aber es kann dennoch etwas Besonderes sein, so wie in diesem Fall. Denn was die Münchner Sängerin Lisa Wahlandt auf „Only Hits“ zusammen mit Gitarrist Paulo Morello und Bassist Sven Faller und einigen Special Guests bei zwei Stücken mit weltbekannten Nummern aus Pop, Folk, Soul oder brasilianischer Musik macht, das hat was. „House Of The Rising Sun“ von den Animals als lässigen Blues zu spielen – überraschend und großartig. Auch die Gloria Gaynor-Power-Hymne einer verletzten, aber starken Frau, „I Will Survive“, kommt hier runderneuert daher, hauchzart und um viele Umdrehungen am Energieschalter heruntergedreht. Ob Madonnas „La Isla Bonita“, Musik von den Beatles oder Bob Dylan – der neue, ganz eigene Touch an diesen Songs macht Spaß. Und mitten auf dem Album ist dann noch das von Wahlandt und Morello selbstkomponierte, wunderschon schwingende „Wave By Wave“ zu hören. Und wüsste man es nicht besser, würde man sich fragen welcher bekannte Hit wohl dahintersteckt.








