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Neues aus der CD-Welt

Christoph Gieses Schnelldurchlauf Vol. 82

Gelsenkirchen, 25.04.2026
TEXT: Christoph Giese | 

MATTHIAS BUBLATH & EIGHT CYLINDER BIGBAND: „The Reel“ (enja Records)

Die Kombination von Hammondorgel und Bigband gibt es nicht wirklich oft zu hören. Bei Matthias Bublath aber eben schon, kombiniert der Münchner Tastenmann und Komponist die gute alte Hammond B3, aber auch ein Fender Rhodes und Keyboardklänge, mit seiner Eight Cylinder Bigband. Der Bandname klingt nach vielen Pferderstärken, aber genau die schnurren hier eher lässig und werden auf keinen Fall voll ausgereizt. Auch das macht „The Reel“, die zweite Veröffentlichung dieser Truppe, so wunderbar. Kein Show Off von Bublath oder den anderen, dafür ein genüsslicher funkiger, souljazziger Hörspaß, klasse arrangiert, mit tollen Bläsersätzen. Ein wenig Gospelfeeling gibt es zwischendurch auch. Und die beiden Gastsängerinnen Kaye-Ree und Norisha Campbell verströmen viel Soul und brechen die ansonsten rein instrumentalen Songs mit ihren Stimmen sehr schön auf. Fazit: „The Reel“ bietet satte 80 Minuten Bigband-Hammond-Soul-Jazz at its best, bei dem selbst Michael Jacksons „Remember the Time“ orchestral hell funkelt.

 

GENTIANE MG: „Can You Hear The Birds?“ (Effendi Records)

Gentiane Michaud Gagnon, die als Künstlerin unter Gentiane MG firmiert, möchte Aufmerksamkeit. Nicht für sich, für die Musik. So ist auch der Titel ihres neuen Trioalbums zu verstehen. Denn wer hört schon den Vögeln im Wald oder anderswo richtig zu wenn sie munter zwitschern? Ihrer Musik jedenfalls sollte man die volle Aufmerksamkeit widmen. Denn die Pianistin und Komponistin aus Montreal spielt zusammen mit Bassist Levi Dover und Schlagzeuger Mark Nelson, mit denen sie schon seit 2014 dieses Trio betreibt, eine tief emotionale, atmosphärische, meist ruhig fließende Musik, die zwischen modernem Mainstream, harmonischen Freiheiten und klassischen Einflüssen pendelnd, positive Klangbilder erzeugt. Von diesen drei Kanadiern wird man künftig sicher hierzulande noch viel mehr hören.

GREGORY HUTCHINSON: „Kind Of Now“ (Warner Music)

100 Jahre alt würde der legendäre Jazztrompeter Miles Davis in diesem Mai, wäre er noch am Leben. Seine Musik ist sowieso noch sehr lebendig, und Tributplatten wird es dieses Jahr sicher einige geben. Auch „Kind of Now“ des US-Drummers Gregory Hutchinson zählt dazu. Man ahnt es schon am Albumtitel seiner neuesten Einspielung. „The Pulse Of Miles Davis“ als Untertitel der Platte verdeutlicht die Thematik der 13 Songs, von denen die meisten aus dem Repertoire der Jazzikone stammen. Drei Stücke aber hat auch Hutchinson selbst geschrieben. Der hat sich ein Spitzenteam mit Trompeter Ambrose Akinmusire, Saxofonist Ron Blake, den Gitarristen Jakob Bro und Emmanuel Michael, Pianist Gerald Clayton und Bassist Joe Sanders ins Studio geholt um seine ganz persönliche Interpretation des Werkes von Miles Davis einzuspielen. Und dafür hat er bis auf einige Ausnahmen nicht unbedingt die bekanntesten Stücke von Davis genommen. Aber die Auswahl bildet dessen wichtige Schaffensphasen ab, vom Bebop und Hardbop bis hin zu Jazzrock und Trance-Jazz. Das Beste an diesem Album ist dass die hier zu hörenden musikalischen Neubetrachtungen nicht epigonenhaft klingen, sondern frisch, kreativ und voller Schaffenskraft.

HILARY GEDDES QUARTET: „Redleaf“ (Earshift Music)

Vielseitig ist sie, die australische Gitarristin Hilary Geddes. Ist sie doch zum Beispiel unter dem Pseudonym Shreddes die Leadgitarristin der Rockband The Buoys aus Sydney, die letztes Jahr gleich zwei Mal durch Europa tourten. Mit ihrem Quartett aber spielt sie einen Jazz, der vielfältige Klanglandschaften entstehen lässt. Von melancholischen Balladen über kraftvollen Fusion-Jazz mit rockigen Momenten bis hin zu verträumten Klängen ist alles dabei. Das Trio des Pianisten Matthew Harris bietet für jede Stimmung den richtigen Rahmen. Geddes, die ein Jahr in Bremen bei Andreas Wahl studierte, spielt eine luftige Musik, die Raum lässt, die atmen kann. Sehr schön.

JAN LUKAS ROSSMÜLLER: „Solo & Trio“ (Unit Records)

Seine Musik müsse immer einen freien Moment haben, sagt der Kölner Pianist Jan Lukas Rossmüller über sich selbst. Was man dann auch gleich hört auf der ersten CD seines neuen Doppelalbums. „Solo“ heißt der erste Tonträger schlicht und ist das Ergebnis einer zehntägigen Komponisten-Residenz in einem Schweizer Alpendorf. In dem dortigen Künstlerhaus hat Rossmüller die zwischen Komposition und Improvisationen changierenden Stücke Soloklavier aufgenommen, eine raum- und klangorientierte Reminiszenz an die Bergwelt, wie es im Pressetext zu dieser Veröffentlichung heißt. Wo immer die Inspiration für diese Musik herkam, Rossmüller kann Geschichten am Klavier erzählen. Das Trioalbum hat der Pianist zusammen mit Bassist Florian Herzog und Schlagzeuger Jakob Görris wenige Monate zuvor im Kölner Loft aufgenommen. Zwischen freien, abstrakten Improvisation und komponierten Passagen spielt das Trio eine moderne, rhythmisch spannende Klaviermusik, die sich nur nur beim Jazz bedient.

EMILIANO SAMPAIO JAZZ ORCHESTRA: „Life“ (Edition Ö1)

Seit 2012 ist Österreich zur zweiten Heimat geworden für den brasilianischen Gitarristen, Posaunisten und Komponisten Emiliano Sampaio. „Life“ ist sein zweites Bigband-Album, und das nachdem er sich nach dem Debüt mit großem Klangkörper im Jahre 2015 vorgenommen hatte nicht wieder mit einem Orchester zu arbeiten. Zu viel Organistaion, zu großer emotionaler Aufwand. Sampaio hat es sich glücklicherweise nun anders überlegt und legt mit „Life“ ein Album vor, das schwer einzuordnen ist und nicht wie so viele andere Bigband-Platten klingt. Denn hier gibt es natürlich satte Klänge zu hören dank der vielen Musiker, aber auch kammermusikalische Intimität oder einen Chor über swingende Rhythmen. Und plötzlich taucht mittendrin ein auf Deutsch gesprochener Text auf. Ohne dass man als Hörer weiß warum eigentlich. Dieses Jazzorchester mit Mitgliedern aus Europa, den USA und Brasilien liefert hier ein bezaubernd vielschichtiges Bigband-Album mit Entdeckungspotenzial ab.

HUEBNER BROTHERS: „A Family Affair“ (GLM Music)

Beim Titel für ihr erstes gemeinsames Album haben sie sich von der US-Soul/Funk-Band Sly & The Family Stone inspirieren lassen. Die hatten 1971 mit „Family Affair“ einen großen Hit. Und „A Family Affair“ passt ja auch so gut zu der Einspieling der beiden Brüder Gregor und Veit Huebner, die hier als Huebner Brothers zehn Songs lang die Zweisamkeit pflegen. Gemeinsam spielen sie schon viele Jahre in den unterschiedlichen Projekten zusammen, aber eben nice nur als Duo. Gregor auf der Geige und Veit am Kontrabass unterhalten sich hier, unterstützt von gelegentlicher Elektronik, in reizvollen Dialogen. Die eige schwelgt über kubanische Grooves, an anderer Stelle wird der Roma-Gemeinde in einem Stadtteil von New York musikalische Referenz erwiesen. Und im abschließenden „Sunday Song“ aus der Feder des Anfang diesen Jahres verstorbenen US-Pianisten Richie Beirach, mit dem beide Brüder spielten, wird es mit Bassloops und viel Gefühl sehr besinnlich.

ELINA DUNI & ROB LUFT: „Reaching For The Moon“ (ECM Records)

Fast 100 Jahre alt ist Irving Berlins Lied „Reaching For The Moon“, Titelstück und erste Nummer des neuen Duoalbums von Elina Duni und Rob Luft. Und wie die albanisch-schweizerische Sängerin und der britische Gitarrist diese Ballade interpretieren, ganz langsam, mit ätherischem Gesang, um den sich zarte Gitarren-Klänge legen, das ist nicht nur traumschön und berührend, sondern gibt auch zugleich schon direkt die Richtung dieses Albums vor. Denn beseelt und balladesk geht es weiter in einem Programm aus eigenen Stücken des Duos, Balkan-Traditionals oder Filmmusik. Mühelos wandert die vielsprachige Duni beim Singen zwischen den Sprachen und Rob Luft ist einfach ein Meister des atmosphärischen Gitarrenspiels, der in jedem Moment weiß was ein Sing braucht und auch was nicht. Reduktion als Stilmittel für noch mehr Intensität und Ausdruck. Ganz am Ende des Albums noch einmal nachzuhören in einer hinreißenden Version des Duos von Ornette Colemans „Lonely Woman“.

D!MA LOGINOV: „First Impression“ (Challenge Records)

Jobims romantische Ballade „Luiza“ solo auf der Trompete zu spielen, auf diese Idee muss man erst einmal kommen D!ma Loginov macht genau das in der Mitte seines Debütalbums „First Impression“. Wunderschön! Und um bei dem Albumtitel zu bleiben: Der erste Eindruck, den der Kasache auf seinem Erstlingswerk hinterlässt, ist ein sehr guter. Der inzwischen in Amsterdam lebende Trompeter und Komponist spielt soulful einen modernen Jazz, der zwischendurch auch nach seiner Heimat klingt. Wie im Song „Yapurai“, einem bekannten kasachischen Volkslied, das Loginov und seine Band in spirituellen, coltranesken, modalen Jazz überführen. Wenn man an dieser gelungenen Einspielung etwas bemängeln könnte, dann ist es lediglich die Tatsache, dass die Spieldauer dieser Aufnahme mit gerade mal 30 Minuten doch ziemlich kurz geraten ist.

JEFF CASCARO: „Broadway and Beyond“ (Herzog Records)

Jazzstandards zu interpretieren, das machen viele. Den bekannten Songs und Melodien dabei neue Seiten abzugewinnen, gelingt dabei nicht allen. Sänger und Trompeter Jeff Cascaro und seiner Truppe mit den Tastendrückern Olaf Polziehn und Billy Test, Bassist Christian von Kaphengst oder Saxofonist Paul Heller ist das allerdings sehr gut gelungen. Wann hat man Billy Strayhorns „Take The A-Train“ schon so lässig und soulig über die Schienen rattern hören. Und Gershwins „Summertime“ verströmt gar eine sexy Lässigkeit. So ergeht es allen Evergrens auf „Broadway and Beyond“. Sie werden neu gedacht und interpretiert. So sind „New York, New York“ oder auch „On Broadway“ hier Songs für die abgedunkelte Late Hours-Bar.

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