Neues aus der CD-Welt
Christoph Gieses Schnelldurchlauf Vol 79
TEXT: Christoph Giese |
YVONNE MORIEL SWEETLIFE QUARTET: „Sweetlife III“ (Minor Seven Records)
Im vorletzten Jahr hat Yvonne Moriel den Österreichischen Jazzpreis in der Kategorie „Best Newcomer“ gewinnen können. Dass die junge Tiroler Saxofonistin und Flötistin eine spannende Musikerin ist, zeigt sie auf „Sweetlife III“, dem ersten Album mit ihrem Sweetlife Quartet. Zusammen mit Tastenfrau Stephanie Weninger, Schlagzeuger Raphael Vorraber und Trompeter Lorenz Widauer sowie zwei Gästen auf drei Stücken serviert Moriel hier einen erfrischenden, immer wieder von elektronischen Klangflächen durchzogenen, modernen Jazz. Der ist zugänglich, zugleich aber durchaus auch experimentierfreudig. Musik, die immer in Bewegung bleibt. Ein anspruchsvoller und dennoch lässiger Hörspaß.
LOUIS MATUTE: „Dolce Vita“ (naïve)
Die Wurzeln des Schweizer Jazzgitarristen Louis Matute liegen im mittelamerikanischen Honduras. Sein Großvater floh einst mit der Familie von dort vor der damaligen Diktatur. Jetzt hat er zehn Stücke geschrieben, die sich auch als persönliche Hommage an die Geschichte seiner Familie hören lassen können. Vielfältig sind die Klänge auf „Dolce Vita“, intensiv so manches Stück, das erst lässig beginnt, dann aber dramatisch weiterläuft. Bei vier Nummern wird sein Ensemble durch die Stimmen von Joyce Moreno und Dora Morelenbaum aus Brasilien, die Französin Gabi Hartmann sowie Rapper Rico TK verstärkt. Mal berührend, mal richtig mitreißend – „Dolce Vita“ zeigt alles andere als süßes Leben. Es ist ein bewegendes, schillerndes, groovig-rockendes und auch sanft schwingendes Werk geworden.
VANCE THOMPSON: „Lost and Found“ (Knox Jazz Records/Moondo Music)
Die Karriere schien schon vorbei. Vor gut neun Jahren wurde bei Vance Thompson mit der fokalen Dystonie ein neurologische Erkrankung festgestellt. Fünf Jahre versuchte der US-Amerikaner damit weiterhin als Musiker zu arbeiten, musste dann feststellen dass es mit dem Trompete spielen nicht weitergehen kann. Der Trompter sowie Begründer und Leiter des Knoxville Jazz Orchestra legte sein Horn schweren Herzens beiseite. Und meldet sich nun mit „Lost and Found“ zurück als Bandleader auf dem Vibrafon, ein Instrument das der Mann aus Tennessee schon immer liebte und nun erlernte. In Quintettbesetzung mit Klavier, Gitarre, Bass und Schlagzeug gibt es sechs Kompositionen von Thompon und drei weitere, etwa von Chick Corea oder Harold Arlen, zu hören. Die Musik swingt elegant, groovt fein und verknüpft dabei Jazztradition mit moderner Herangehensweise. Und zeigt vor allem eindrucksvoll was man mit Willenskraft und Lebensmut alles schaffen kann.
JOWEE OMICIL: „sMiles“ (Bash! Village Records)
Er ist so was wie ein moderner Griot. Der kanadisch-haitianische Musiker, Komponist und Lebensphilosoph Jowee Omicil hat mit „sMiles“ ein buntes Album eingespielt das eine weltumspannende musikalische Reise dem Hörer offeriert. Afrikanisches vermischt sich mit Kreolischem, Wüstenklänge im Geiste von Wayne Shorter, mit der marokkanischen Sängerin Malika Zarra, werden abgelöst von Jowees intimer Version der haitianischen Nationalhymne, von ihm selbst auf dem Altsaxofon und dem Klavier gespielt. Bis auf die Kapverden reichen die Einflüsse dieses so abwechslungsreichen Albums, das vergnüte Stimmungen mit Spiritualität paart und gleich zwei ungewöhnliche Versionen von Abbey Lincolns „Throw It Away“ bereithält. Und bei diesem Albumtitel gibt es natürlich gegen Ende auch noch ein imaginäres Treffen mit dem großen Miles.
LISA WULFF: „Hand auf´s Herz“ (Laika Records)
Den Deutschen Jazzpreis als Bassistin des Jahres konnte sie bereits 2023 entgegennehmen, bei Jazzlegende Rolf Kühn spielte sie fest in der Band. Aber auch als Bandleaderin ist die Bassistin und Komponistin Lisa Wulff alles andere als eine Novizin. Auf ihrem neuen Album „Hand auf´s Herz“ zeigt die Hamburgerin wieder die ganze Palette ihres Könnens. Zusammen mit den beiden Holzbläsern Adrian Hanack und Gabriel Coburger, Trompeter Claus Stötter, Drummer Valentin Renner und Gitarrist Sven Kerschek wurden im Studio Nord Bremen in vielen First Takes acht dichte Nummern aus der Feder der Bassistin eingespielt. Da groovt es mal unverschämt, während sich ein schreiendes Saxofon und eine verzerrte, dunkel-rockige E-Gitarre duellieren. Aber genau so gut geht mit schwebenden Klanglinien und weichen, warmen Flügelhornmelodien wohlig und zurückgenommen weiter. Vielfältig sind die Stimmungen der Songs. Und Lisa Wullff selbst, die spielt in jedem Moment dieser Platte groß auf, aber niemals aufdringlich.
REENTKO DIRKS: „Rain, Steam and Speed“ (Neue Meister)
Ein berühmtes Gemälde des englischen Malers William Turner hat den Dresdner Gitarristen Reentko Dirks inspiriert, und nicht nur zum Albumtitel, der identisch ist mit dem Titel des Gemäldes. Klänge und Landschaft sind bei beiden Künstlern präsent. Solo auf einer Doppelhalsgitarre kreiert Dirks in zwölf poetischen und eindringlichen Kompositionen jenseits starrer Genregrenzen Klangfelder, die jeder Hörer individuell für sich deuten kann. Oder sich einfach nur mitnehmen lässt von den beseelten, sanft perlenden Gitarrenklängen.
PHILIPP MARIA ROSENBERG: „Rotwelsch“ (Unit Records)
Wenn ein Jazzmusiker „Standards“ spielt denkt man dabei meist an das Great American Songbook. Aber auch die eruopäische Operetten-Musik bietet reichhaltige Melodien, die sich doch auch mal im Jazzkontext ausprobieren lassen. Genaus das tut auf „Rotwelsch“ der Schweizer Pianist Philipp Maria Rosenberg, im Trio mit Kontrabassist Florian Kolb und Schlagzeuger Jordi Pallarés Barberà. Lieder wie „Die ganze Welt ist himmelblau“ von Robert Stolz oder „Schenk mir das Himmelreich“ von Joseph Beer entkernen die drei Musiker und spielen mit den Melodien, stricken daraus ganz neue Songs. Feinfühlig und mit viel Raum für Improvisationen aller drei Beteiligten. Hier klingt nichts klebrig-süß und gestrig, sondern besselt, einfallsreich und sehr modern.
NILS WÜLKER: „Zuversicht“ (Warner Music Central Europe)
Ein Albumtitel, der durchaus für die aktuelle Weltlage spricht. Ein verrückter US-Präsident, ein ebenso Verrückter im Kreml, und auch sonst scheint unser Planet aus den Fugen zu geraten. Da tut ein wenig „Zuversicht“ mehr als gut. Und Musk, wie sie Nils Wülker spielt. Warm, die Seele und das Gemüt streichelnd, aber dennoch mit Relevanz. Sein neues Album hat der sympathische Trompeter und Komponist zum ersten Mal mit einer internationalen Besetzung eingespielt. Pianist Aaron Parks, Bassistin Linda May Han Oh und Drummer Gregory Hutchinson sind die Partner von in den elf Eigenkomposition des Trompeters. Und dieses Quartett spielt einen wunderbar melodiösen, zeitlosen Jazz, mit Raum für Spontanität. Dreieinhalb Tage war man in den Hansa Studios in Berlin für die Aufnahmen zusammen. Zuvor hatte man noch nie zusammengespielt. Dennoch wollte Nils Wülker im Vorfeld nicht zu viel planen. Diese Idee ist aufgegangen, denn „Zuversicht“ bietet traumschönen Jazz.
SHEEN TRIO: „Transitory“ (Unit Records)
Dieses Trio spielt eine Musik zum genauen Hinhören. „Transitory“ ist keine Platte für den Hintergrund. Dafür passiert auch zu viel bei der iranischen Klarinettistin Shabnam Parvaresh, der Bandleaderin des Sheen Trio, Gitarristin Ula Martyn-Ellis und Schlagzeuger Philipp Buck. Virtuos ist die Musik dieses Trios, die sich an klassischen und persischen Traditionen bedient und sie mit freigeistigem Jazz, Rock und experimenteller Musik verknüpft. Zu Songs, die rhythmisch und solistisch abheben, dabei von einer gemeinsamen Energie und Kreativität getragen werden. Shabnam Parvaresh hat Teheren schon vor über einem Jahrzehnt verlassen und lebt nun in Osnabrück, wo sie ab diesem Jahr auch das renommierte Morgenland-Festival künsterisch leiten wird. Als Musikerin und hier mit ihem Sheen Trio schafft sie Klänge zwischen Dissonanz und lyrischen Momenten, zwischen kraftvollem Ausbruch und Innehalten. Sehr schön.
EMMANUELLE BONNET: „Prérie(s)“ (Mousse Records)
Kollektives Experimentieren, das Spielen mit Worten, Silben, Sounds und Motiven. Ideen, die sich behutsam einander annähen, sich gemeinsam entwickeln. Zu einer zarten Musik, die aber auch mal ausbrechen kann in wildes gemeinsames Improvisieren. „Prérie(s)“, das zweite Album der Schweizer Sängerin und Komponistin Emmanuelle Bonnet, bietet all das und ist ein echtes, kleines Hör-Abenteuer. Denn hier klingt kaum etwas so, wie man das vielleicht erwartet von einem Quartett mit Klavier, Bass, Schlagzeug und eben Stimme. Denn die vier Kreativköpfe auf dieser Einspielung kreieren voller Freheiten spontane Kompositionen, die unerwartete Wege gehen. Ziemlich spannend denen aufmerksam zu folgen.









