Neues aus der CD-Welt
Christoph Gieses Schnelldurchlauf Vol. 78
TEXT: Christoph Giese |
GARDEN OF SILENCE: „Neither You Or I“ (bazaarpool)
Hinter diesem „Garten der Stille“ verbirgt sich ein exquisites, internationales, vom in der Schweiz lebenden, schwedischen Bassisten Björn Meyer geleitetes Ensemble, bestehend aus neun Musikern und Musikerinnen aus der Schweiz, aus Schweden, Deutschland, Ägypten und dem Iran, die mit Schlüsselfiedel, Geige, Bass, Duduk, Schlagwerk, Cello, Bassklarinette, Saxofon und Gesang jazzfolkige Lieder aus vielen Teilen der Welt spielen. Mal tänzerisch, mal verträumt, dann auch mal kraftvoll. Weltumspannende Fusionmusik im besten Sinne.
GERO HENSEL ENSEMBLE: „Reminiscence“ (TCB Records)
Eine frische Stimme auf der Jazztrompete, als die entpuppt sich Gero Hensel auf seinem Album „Reminiscence“, eingespielt im Quintett mit Pianist Vitaly Burtsev, Bassist Nils Kugelmann, Schlagzeuger Flurin Mück und Sängerin Yaehwon Shin. Elf Kompositionen aus der Feder des Bandleaders gibt es hier zu hören, die Hensel als spannende Geschichten erzählenden Songschreiber ausweisen, die nicht nur lyrische Tiefe aufweisen, sondern auch nicht immer nur im Jazzidiom verhaftet sind. Die Nummer „Straying Shadows“ hat hörbar den klassischen Komponisten Modest Mussorgsky als Inspiration gehabt, „Beyond“ den Ungarn Béla Bartók.
CARLOS GARNETT: „Cosmos Nucleus“
ROY BROOKS: „The Free Slave“
KENNY BARRON: „Sunset To Dawn“
(alle Time Traveler Recordings/Muse Records)
Drei Alben von drei legendären Musikern werden hier auf Vinyl (leider nicht auf CD) neu veröffentlicht. Da ist „Cosmos Nucleus“ des Tenor- und Sopransaxofonisten Carlos Garnett aus Panama, 1976 in New York im Oktett plus einer 18-köpfigen Hornsection eingespielt, darunter der noch ganz junge Kenny Kirkland am Klavier oder Cecil McBee am Bass. Zu hören gibt es kraftvolle, orchestralem groovende, swingende 1970er Jahre Fusion at its best.
Cecil McBee bedient auch den Bass bei „The Free Slave“ von Drummer Roy Brooks. Der hat 1970 zudem Trompeter Woody Shaw, Tenorsaxofonist George Coleman und Pianist Hugh Lawson bei dieser Liveaufnahme in der Left Bank Jazz Society in Baltimore auf die Konzertbühne gebeten um in vier langen, fantastisch groovenden Stücken ein feurig-energiegeladenes, spirituelles, funkig-souliges und ungefiltertes Jazzset abzuliefern.
Sein Debüt als Bandleader nahm Pianist Kenny Barron mit „Sunset To Dawn“ im Jahre 1973 in den RCA Studios in New York auf. Mit dabei waren Bassist Bob Cranshaw, Drummer Freddie Waits, Vibrafonist Warren Smith und Conga-Spieler Richard Lamdrum. Zu hören gibt es neben zeitlos guten Akustik-Jazz auch groovenden elektrischen Jazz, wie er in den 70ern populär war. Schön dass der US-amerikanische Jazzhistoriker und Musikproduzent Zev Feldman diese drei Musk-Perlen für seine Time Traveler Recordings wiederentdekckt hat.
CHRISTIAN KRISCHKOWSKY QUARTET:
„Discovery Of Lightness“ (Double Moon Records)
Dieses Quartett gibt es schon seit zehn Jahren. Auch wenn der Bandleader in Ulm, die anderen drei Musiker weit entfernt in Berlin wohnen. Dennoch spielt hier eine Band wie aus einem Guss. Eine echte Band sei das, schreibt Schlagzeuger Christan Krischkowsky in den Liner Notes zu „Discovery Of Lightness“. Man hört es. Vier Freunde machen gemeinsam eigene Musik, spielen einen zeitgemäßen Jazz, der auf schönen Kompositionen fußt und diese mit Improvisationen verknüpft. Krischkowsky, Bassist Roland Fidezius, Pianist Marc Schmolling und Saxofonist Peter Ehwald treten hier als gleichberechtigtes Ensemble auf, dem nan gerne zuhört.
JEREMY ROSE: „Infinity II“ (Earshift Music)
„Full Moon“ heißt das erste Stück dieser Liveaufnahme aus Sydney. Es knistert, es raschelt. Synthiesounds legen sich über die Geräuschkulisse. Bis irgendwann das Saxofon von Jeremy Rose mit einsteigt in diesen Ambient-Soundkosmos, der plötzlich auch durch hibbelige, gedämpfte Trommelschläge belebt wird. Dem australischen Saxofonisten Jeremy Rose ist mit „Infinity II“ ein großer Wurf gelungen, denn es ist ein spannendes Album, bei dem sich elektronische Sounds mit sparsamen Sounds von Keyboard und vom Modular-Sythesizer und den belebenden Pulschlägen vom Schlagwerk zu mal meditativen, mal kraftvollen Klanglandschaften verbinden, in denen sich der Bandleader mit seinen weiträumigen Sax-Linien in Ruhe ausbreiten kann. Mit den beiden Soundtüftlern Novak Manojlovic und Ben Carey sowie Drummer Tully Ryan hat Rose Partner zudem drei kongeniale Partner an seiner Seite.
MARKUS CONRAD / CASPAR VAN MEEL / AFRA MUSSAWISADE:
„Jaggat“ (Buzz/Challenge)
Musik, die in Klassik, Jazz, Weltmusik, Flamenco oder indischer Musik wurzelt, mit spanischen, arabischen, afrikanischen oder lateinamerikanischen Einflüssen – das hört man auf dem gemeinsamen Album des deutschen Gitarristen Markus Conrad, des niederländischen Kontrabassisten Caspar van Meel und des iranischen Perkussionisten Afra Mussawisade. Auf vier Stücken ist auch noch der Geiger Christoph König als Gast mit von der Partie. Die bis auf eine Ausnahme ausschließlich eigenen Kompositionen von Conrad und van Meel auf „Jaggat“ (aus dem Sanskrit für „Welt“) vereinen globale Rhythmen und Melodien in kammermusikalischem Ambiente zu weltumspannenden, tänzelnden Stücken Musik.
NANCY VIEIRA AND FRED MARTINS: „Esperança“ (Galileo MC)
Kennen tun sich die kapverdische Sängerin Nancy Vieira und der brasilianische Sänger, Komponist und Gitarrist Fred Martins schon mehr als zehn Jahre. Beide leben längst in Portugal. Bei zahlreichen Aufnahmen und Konzerten haben sie inzwischen zusammengearbeitet. Jetzt gibt es das erste gemeinsame Album. Es ist ein sehr intimes und beseeltes Werk geworden. Nur zwei Stimmen und das Gitarrenspiel von Fred Martins sind zu hören – und das Zupfinstrument Charango aus den südamerikanischen Anden auf einer Nummer. Anonsten verschmelzen leichtfüßige Bossa Nova-Rhythmen und die Musik Brasiliens mit der von den Kapverden. Die von Nancy Vieira eindringlich gesungenen Mornas treffen auf die sanfte Stimme von Fred Martins in den elf Songs aus der Feder des Brasilianers und von unterschiedlichen, meist kapverdischen Komponisten.
MARK SHERMAN: „Bop Contest“ (Miles High Records)
Er spielt auch Klavier, begleitete etwa Peggy Lee oder Lena Horne als Pianist. Auf „Bop Contest“, seiner 22. Aufnahme als Bandleader, kehrt der gelernte Schlagzeuger Mark Sherman aber zurück zum Vibrafon. Und widmet sich hier genüsslich dem klassischen Bebop. Und hat dafür ein Spitzenteam mit Pianist Donald Vega, Bassist Ron Carter und Schlagzeuger Carl Allen um sich geschart. Trompeter Joe Magnarelli ist auf zwei Tracks auch noch als Gast dabei. Swingende Eleganz und ein Bandleader als echter Geschichtenerzähler prägen dieses Album. Stücke von Oliver Nelson, Cedar Walton oder Sherman selbst, die berühmte Ballade „My One And Only Love“, die hier als leichtfüßige Bossa Nova erklingt, oder das feurige Titelstück - hier wird Bebop zwar ganz traditionell gespielt, aber hochklassig und mit spürbarer Freude gespielt.
MAKAR NOVIKOV: „Long Journey“ (Rainy Days Records)
Als der Überfall auf die Ukraine begann im Jahre 2022, da war Makar Novikov gerade auf Tour, strandete mit nur einem Koffer in Italien und beschloss nicht mehr in seine russische Heimat zurückzukehren. Drei Jahre tauchte der Kontrabassist in die europäische Jazzszene ein und legt nun mit „Long Journey“ ein famoses Debütalbum als Bandleader vor. Mit seinem Landsmann Alex Sipiagin an der Trompete und am Flügelhorn, dem aus Barcelona stammenden Tenorsaxofonisten Gianni Gagliardi, US- Drummer Donald Edwards und der deutschen Pianistin Olivia Trummer hat Novikov ein zeitlos modernes Mainstream-Album mit acht Eigenkompositionen eingespielt, das seine Lebensgeschichte spannend tönend erzählt.
GANNA: „Utopia“ (Berthold Records)
Geboren und aufgewachsen in der Ukraine, kam Ganna Gryniva als Jugendliche nach Deutschland, hat aber ihr Heimatland und dessen Kultur immer tief im Herzen behalten. Und das hört man auch auf ihrem neuesten Werk „Utopia“, das sich einmal mehr mit ukrainischer Folklore beschäftigt und diese mit fantasievollen elektronischen und gesanglich abenteuerlichen Klanglandschaften verknüpft. Traditionelle Melodien bekommen hier ein modernes Kleidchen verpasst, sei es durch elektronische Klangflächen oder handgespielte Perkussion. Auf dem Titelstück, einer zarten Ballade, gibt sich sogar US-Trompeter Ambrose Akinmusire die Ehre. Am berührendsten aber ist das Stück „Zemlya“, eine Vertonung von Kriegslyrik des ukrainischen Dichters, Musikers und Kulturaktivisten Grigory Semenchuk.













