Bild für Beitrag: 'Mr. Goebbels Jazz Band' | Roman von Demian Lienhard
Bild für Beitrag: 'Mr. Goebbels Jazz Band' | Roman von Demian Lienhard
Bild für Beitrag: 'Mr. Goebbels Jazz Band' | Roman von Demian Lienhard
Bild für Beitrag: 'Mr. Goebbels Jazz Band' | Roman von Demian Lienhard

'Mr. Goebbels Jazz Band'

Roman von Demian Lienhard

Frankfurt, 21.05.2026
TEXT: Heinz Schlinkert | FOTO: Laura J. Gerlach, Bucheinband, Rainer E. Lotz

In dem Roman des Schweizers Demian Lienhard ‚Mr. Goebbels Jazz Band‘ geht es um eine Jazzband, die mitten im Krieg im nationalsozialistischen Deutschland Jazz spielt.
Der Roman beginnt mit einer Szene mitten im geschäftigen Berlin des Jahres 1940. Der Erzähler gerät durch Zufall in die Probe einer Band in einem Matratzenlager (s. Grafik oben rechts) und stellt verwundert fest, dass Jazz gespielt wird. Denn Jazz ist seit 1935 in Deutschland verboten. Adolf Raskin, der Intendant des Auslandrundfunks, hatte – unterstützt von Goebbels - beschlossen, „die Briten Tag und Nacht mit dem allerfeinsten Propagandajazz zu bombardieren.“ (S. 18)
All das ist keine Erfindung, es hat diese Band wirklich gegeben und auch Musiker wie Lutz Templin, Freddie Brocksieper und Karl Schwedler sind immer noch als Jazzmusiker bekannt.
In Goebbels' Auftrag nahmen 1940-45 deutsche Musiker beliebte US-Schlager auf und sangen nationalsozialistische Propagandatexte in englischer Sprache dazu. Damit wollte man über Kurzwellensender die Bevölkerung im "Feindesland" infiltrieren. Schallplatten der Band wurden auch an Botschaften und ins Ausland verschenkt.

Mr. Goebbels Jazz Band -  Charlie and his Orchestra

"Charlie and his Orchestra" hieß die Band eigentlich, benannt nach ihrem Sänger Karl „Charlie“ Schwedler. Sie spielte auch in ihrer Freizeit in kleinen Bars, z. B. als ‚Templin Band‘ oder ‚Bruno and His Swinging Tigers.‘
Demian Lienhard hat darüber einen spannenden Roman geschrieben. Die zugrundeliegenden Fakten sind vor 30 Jahren durch die Forschungen von Rainer E. Lotz bekannt geworden. Wolfram Knauer hat sie in seiner Geschichte des Jazz in Deutschland zusammengefasst.
Lienhard schreibt sehr nah am historischen Geschehen. Sein Kunstgriff besteht darin, über die Figur des Schweizer Schriftstellers Mahler einen fremden Blick auf das Geschehen zu werfen. 
Mahler begegnet dabei vielen Musikern: Primo Angeli (Klavier), Lutz Templin, Eugen Henkel (beide Saxophon), Willy Berking (Posaune); Freddie Brocksieper (Schlagzeug), Giuseppe Impallomeni, Charly Tabor (beide Trompete), Karl Schwedler (Gesang):
Der junge Mahler kommt aus der friedlichen Schweiz und hat Mühe die politische Lage der Band in Berlin zu verstehen. Er soll im Auftrag von Goebbels einen Roman darüber schreiben, doch das fällt ihm schwer.
Auch die Atmosphäre der Jazzszene wird beschrieben, verruchte Clubs, illegale Sessions und die internationale Herkunft vieler Musiker vermitteln ein Bild vom Jazz als transnationaler Gegenkultur, denn auch Ausländer, Juden und Homosexuelle gehören zur Band.
Die Musik selbst spielt nur eine Nebenrolle. Stücke wie ‚Black Tiger’ und ‚Goody Goody‘ werden erwähnt, rund 200 Titel soll die Band eingespielt haben. Über drei Seiten beschreibt der Autor, wie die Band in einer Bar das Stück 'Cymbal promenade' von Freddie Brocksieper spielt mit Primo Angeli am Cembalo; man kann es sich auf YouTube anhören.
In Gesprächen mit Lutz Templin lernt der eher unmusikalische Mahler, was Jazz ist, nämlich „mehr .. als eine Aneinanderreihung von Tönen“ (S. 244). Auch die Melodie bilde nur die Basis, Arrangement und Interpretation seien das Wichtigste.

Wilhelm Froehlich und 'Germany Calling'

Die zweite Säule des Romans ist die historische Person William Joyce mit unklarer US/britisch/irischer Abstammung, der als Faschist England verlassen musste und seit 1939 in Berlin als Wilhelm Froehlich die Radiosendung 'Germany Calling' moderierte. Mit dieser Propagandasendung, über Kurzwelle nur für die Briten ausgestrahlt, erlangte er als „Lord Haw-Haw“ einen zweifelhaften Ruf. In seiner Sendung wurde die Musik der Band gespielt.

Jazzband im Schwebezustand

In der Mitte des Buches kommt Mahler zu folgender Einschätzung der Situation:
„Man pflegt einen Musikstil, seit Jahren schon, der unerwünscht ist, und jedes Spiel, jedes Konzert, jeder Auftritt ist ein Antasten, ein Anschmiegen, ein Entlanggehen an Grenzen, die Jahr für Jahr undurchlässiger werden, die zu umgehen immer schwieriger wird, bis es irgendwann zu schwierig wird, es schließlich angeraten scheint, davon abzulassen, sich auf anderes zu verlegen. … Dieser Aussicht müssen  auch Brocksieper und Templin und Henkel gegenüber gestanden haben … , aber … ihnen hat sich plötzlich ein Schlupfloch geboten, … wo man … ohne unmittelbare Gefahr seiner wahren Leidenschaft nachgehen kann. 
Und doch tut man das im Wissen, dass dieser Schwebezustand nur so lange anhält, wie Goebbels und seine Ideen Bestand haben gegen andere Überzeugungen im Staatsapparat, und auch, dass Goebbels letztlich ebenso wie seine Gegner auf eine Zukunft hinarbeitet, in der es diesen Schwebezustand … so nicht mehr gibt.“ (S.217f)

Es ist der hier beschriebene Widerspruch von Jazz und Politik, der den Roman ausmacht. Dem Jazz als Ort der Freiheit, Improvisation und Individualität steht die Starrheit und Grausamkeit des NS-Regimes gegenüber. Jazz wird so zu einer paradoxen Waffe der Propaganda und ist zugleich Ausdruck eines kulturellen Eigensinns, der sich politischer Vereinnahmung entzieht. 
Über den historischen Kontext hinaus greift der Roman die alte Frage auf, ob bzw. wie Musik politisch instrumentalisiert werden und ob sie sich zugleich jeder Kontrolle entziehen kann.

Ein sehr interessantes und spannend geschriebenes Buch.

Demian Lienhard - Mr. Goebbels Jazz Band
FVA Frankfurt/Main 2023

Bild für Beitrag: 'Mr. Goebbels Jazz Band' | Roman von Demian Lienhard
Bild für Beitrag: 'Mr. Goebbels Jazz Band' | Roman von Demian Lienhard
Bild für Beitrag: 'Mr. Goebbels Jazz Band' | Roman von Demian Lienhard
Bild für Beitrag: 'Mr. Goebbels Jazz Band' | Roman von Demian Lienhard
Suche