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Malstrom

Bremen

Essen, 16.03.2025
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Dana Schmidt

Mahlströme sind Wasserwirbel, in denen mehrere Strömungen mit großer Energie aufeinanderprallen. Die gleichnamige Band, 2010 von Jo Beyer (Schlagzeug), Axel Zajac (Gitarre) und Florian Walter (Saxofon) gegründet, ist die klingende Versinnbildlichung solcher Reaktionen. Was tun, wenn dynamische Musikströmungen wie Jazz und Metal in bedrohlichen Wirbeln aufeinander prallen? Ihr soeben auf Berthold Records als CD und Vinyl erschienenes Live-Album "Bremen" beantwortet diese Frage mit vehementem Nachdruck. Nach einem verheißungsvollen Intro werden die Beats komplexer, was die Musik nicht daran hindert, immer ungestümer Fahrt aufzunehmen. Fazit vorweg: Hier werden Genregrenzen in einer Weise dekonstruiert, die sowohl intellektuell anregend als auch körperlich erfahrbar ist. Vor allem letzteres.

Die Musik ist bei aller Vehemenz auch filigraner geworden

Livekonzerte sind die primäre Energiequelle für dieses Trio.  Folgerichtig lieferte ein solches auch das Material für ihr mittlerweiles vierten und bis jetzt sicherlich künstlerisch ausgereiftesten Albums. Das auf dem Album "Bremen" dokumentierte Konzert fand im September 2024 im Rahmen des Freaques de-la-Musique-Festivals statt. (Dass Malstrom sich auch auf einer Tournee im metal-verrückten Japan ausgesprochen wohl fühlten, braucht kaum noch einer Erwähnung.)

Für "Bremen" ist der Klangteppich noch weiter, vielschichtiger, aber auch filigraner geworden. Verlass ist darauf, dass das symbiotische Aufeinanderbezogensein dieser drei Musiker ein äußerst kompaktes Energiefeld hervorbringt. Trotzdem geht es kunstvoll zur Sache geht, ebenso wie viele melodische Ankerpunkte Orientierung geben. Zajacs spezielle 8-saitige Gitarre liefert sowohl brutale Bass-Frequenzen als auch verfrickelte Soli. Walters Saxofon pendelt virtuos zwischen mikrontonalen Flageolett-Orgien, zirkulärem Atmen und melodischen Narrativen, während Beyers Schlagzeug  sowohl rhythmischer Anker als auch melodisches Instrument ist. Komplexe Metren halten die brodelnde Unruhe immer kurz vorm Überkochen. Beeindruckend ist die Live-Neuinterpretation der auf neun Minuten zerdehnten Bandhymne "Mahlstrom", ebenso das rhythmisch dekonstruierte "Hallo Katze" mit seinen schwebenden Tempowechseln. Das Trio verschmilzt lavagleiche Black-Sabbath-Riffs, bebop-artige Sechzehntelkaskaden und Noise-Texturen zu dieser unvergleichlichen Klangalchemie, die durch kompositorische Präzision und melodische Sensibilität selbst bei extremem Energielevel auh immer eine Richtung haben, eine Story erzählen.  

Magie des Augenblicks

Die Frage, ob dieses Trio eine Rockband oder ein Jazzensemble sei, löst sich in der Erkenntnis auf, dass solche Kategorisierungen angesichts der transformativen Kraft dieser Musik bedeutungslos werden. Hauptsache bleibt: Wenn Leidenschaft auf Virtuosität trifft und der Wille, das Publikum zum Ausrasten zu bringen, mit der Fähigkeit einhergeht, dies mit stilistischer Finesse zu tun, entsteht etwas Einzigartiges. Mahlstrom definieren damit ein Alleinstellungsmerkmal - genau wie diese berüchtigten, gerade in nordischen Gewässern nicht seltenen Wasserwirbel, die nie ihre Energie verlieren, sondern immer neue Massen - von was auch immer - in seinen Sog ziehen.

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