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Lajos Dudás

Sounds for Relaxing Days

Düsseldorf, 05.07.2026

Der Ton ist das Erste, was bleibt: rund, warm, von einer Beiläufigkeit, die in Wahrheit höchste Kunst ist. Lajos Dudás spielt die Klarinette, als käme sie nicht aus einem Instrument, sondern aus einer Kehle, die ein ganzes Leben lang gesungen hat. In einem einzigen gehaltenen Ton scheint die ganze Biographie dieses Musikers aufgehoben – Budapest und der Rhein, Bach und der Blues, eingeatmet und wieder ausgeatmet. Zu seinem 85. Geburtstag hat der gebürtige Budapester ein Album vorgelegt, das sein Titel beinahe zu bescheiden untertreibt. Sounds for Relaxing Days klingt nach Hintergrund, nach einem Nachmittag im Liegestuhl. Doch wer hinhört, merkt schnell: Diese Entspannung ist die eines Meisters, der nichts mehr beweisen muss und gerade deshalb alles sagt.

Dudás kam in den sechziger Jahren nach Deutschland, und ein gutes Stück seines Lebens gehört dem nordrhein-westfälischen Neuss. Dort lehrte er an der Musikschule, dort prägte er als künstlerischer Leiter über Jahre eine Konzertreihe und wurde zu einer festen Größe des rheinischen Jazzlebens, ehe es ihn an den Bodensee zog. Diese Verwurzelung im Westen Deutschlands hört man der Platte an: Viele der Aufnahmen entstanden für WDR, SWR und BR, in Studios und Sälen zwischen Köln, Düsseldorf und Meersburg.

Die zehn Stücke sind aus fast einem halben Jahrhundert zusammengetragen, von einer Düsseldorfer Aufnahme aus dem Jahr 1976 bis zu einem Live-Mitschnitt vom Budapester Jazz Day 2022. Was daraus entsteht, ist ein verdichtetes Selbstporträt, zusammengehalten nicht von einem Studioklang, sondern von einer unverwechselbaren Stimme.

Diese Stimme steht jedoch selten allein. Über weite Strecken der Platte trägt sie ein Gegenüber, das ihr ebenbürtig ist: der Gitarrist Philipp van Endert , seit vielen Jahren Dudás' eigentlicher musikalischer Weggefährte. Was die beiden verbindet, ist mehr als ein Begleitverhältnis – es ist ein über Jahrzehnte gewachsenes Zwiegespräch, in dem keiner den anderen führt und doch jeder den nächsten Gedanken des anderen vorausahnt. Van Endert legt keine Akkordteppiche, er antwortet, hakt nach, deutet an, lässt Raum. So entsteht jene gläserne Durchsichtigkeit, die das Format Klarinette und Gitarre auszeichnet und in der sich nichts verstecken kann. Dudás phrasiert dabei nicht gegen den Atem, sondern aus ihm heraus, so dass jede Linie zu singen beginnt und der gespielte Ton sich kaum noch vom gesungenen unterscheidet – und van Endert atmet mit.

Ein Atemzug über fünf Jahrzehnte

In diesem Dialog entfaltet sich das Programm. Fats Wallers Ain't Misbehavin' eröffnet das Album, als würde man eine alte Tür aufstoßen und der Stride von 1929 wehte herein, nur dass Dudás die Melodie nicht spielt, sondern ihr nachlauscht. Cole Porters Night and Day kreist in seinem hypnotischen Motiv, getragen vom Bass Leonard Jones'. Und Sonny Criss' Blues for Rose wird zu einem leisen Höhepunkt, in dem jede seufzende Tonbeugung die Klarinette in eine menschliche Stimme verwandelt.

Das Schönste an dieser Reise ist, wie selbstverständlich Dudás zwischen den Welten wandelt. Da ist die ungarische Heimat, die immer als lebendige Quelle spürbar bleibt: A csitári hegyek alatt, eines der berühmtesten Volkslieder seines Landes, dehnt sich über fast acht Minuten zu einer wehmütigen Meditation, in der pentatonische Melodik und improvisatorische Freiheit ineinanderfließen. Da ist die Hommage an die großen Landsleute Aladár Pege und Attila Zoller. Und am Ende jene augenzwinkernde Bach-Gigue mit dem trotzigen Titel Und Tschüss – aber bitte mit Bach, die älteste Aufnahme des Albums, von 1976, und ein Fingerzeig auf das Lebensthema dieses Musikers: die Brücke zwischen Barock und Jazz als tief empfundene Einheit zweier Sprachen.

So entsteht ein Album, das leichthändig genug für entspannte Tage ist und reich genug für aufmerksame Stunden. Dudás folgt einem Credo, das er sich bei Miles Davis abgeschaut hat: ohne Rhythmus kein Jazz, ohne Melodie keine Musik. In seinem Spiel verbinden sich europäische Kantilene und die Freiheit des swingenden Atems zu einem dritten Klang, der über alle Grenzen hinweg zu singen scheint. Dass van Endert diesen Weg seit Jahren an seiner Seite geht, macht Sounds for Relaxing Days nicht nur zur Geburtstagsgabe, sondern zum Dokument einer seltenen künstlerischen Freundschaft – das Geschenk zweier Stimmen, die nach all den Jahren nichts von ihrer Wärme verloren haben und uns einladen, einfach zuzuhören.

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