Bild für Beitrag: Kalnein, Herbert, Krizanic | Probably Possible vö 20.9.2026
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Kalnein, Herbert, Krizanic

Probably Possible vö 20.9.2026

Graz, 04.10.2026
TEXT: Stefan Pieper | 

Es gibt Bands, die ergeben sich einfach. Im August 2024 stand der Saxofonist und Flötist Heinrich von Kalnein auf einer Grazer Festivalbühne für frei improvisierte Musik, geladen vom jungen Schlagzeuger Jan Samson Krizanic. Dritter im Bunde: der austro-japanische Gitarrist Kenji Herbert, in Wien gelandet nach zehn Jahren New York und einem Studium am Berklee College of Music. Fünfundvierzig Minuten spielten die drei ohne eine einzige Absprache, während der Wind von der nahen Müllverbrennungsanlage die Duftlage der Stadt in Wellen über die Bühne trug – so schildert es Kalnein im Begleittext zur aktuellen CD, die vor einigen Tagen auf dem Label natango Music erschienen ist.

Nach Monaten gemeinsamer Proben und einem weiteren Auftritt bei der Grazer Jazz Redoute ging es ins Studio: aufgenommen im August 2025 im Wavegarden Studio in Retz, gemastert von Stefano Amerio im Artesuono-Studio bei Udine – eine Adresse, die im europäischen Jazz seit Jahren für außergewöhnliche Klangoffenheit steht. Was daraus entstanden ist, klingt wie eine Musik, die im Hörmoment ihre Form findet – dicht durchgestaltet und dennoch nirgends nach Vorformuliertem klingend. Zehn Miniaturen zwischen drei und knapp sieben Minuten, jede in sich geschlossen und doch Teil einer gemeinsamen Bewegung. Das Trio versteht das improvisierende Spiel als Komponieren im Vollzug: Nicht die spektakuläre Entladung interessiert die drei, sondern die genaue Wahrnehmung dessen, was der jeweils andere gerade anbietet.

In der Ruhe liegt die Kraft 

Kalnein wechselt zwischen Sopran-, Tenor- und Baritonsaxofon sowie Flöten und phrasiert mit jenem sonor gerundeten, tief gefärbten Klang, der seine Handschrift seit langem prägt. Er erzählt mit dem Instrument: Ein Motiv beginnt zu keimen, wandelt sich, geht unter und taucht in anderer Kontur wieder auf. Aus dieser Ruhe im Denken zieht die Musik ihre eigentliche Zugkraft. Herbert wiederum nutzt seine elektrische und fretless Gitarre kaum je als klassisches Harmonieinstrument. Er entwirft flirrende Akkordteppiche, feingliedrige Oberton-Konstellationen und weit geöffnete Klangschichten und führt Spuren aus verzerrter Rockdynamik, flächigem Ambient und gegenwärtiger Gitarrenkunst so selbstverständlich in die Sprache des Ensembles ein, dass sie sich als Eigenklang und nicht als Zitat lesen lassen. Krizanic schließlich behandelt sein Schlagzeug wie ein Kleinorchester: Beckentexturen von fast forschender Ohrenarbeit, ein Grundschlag, der sich beständig verschiebt, feine dynamische Abstufungen. Der Puls ist bei ihm kein tragendes Gerüst, sondern ein lebendes System – und vor allem traut er sich zu pausieren, wo andere weiterspielen würden.

In dieser Zone zwischen Halt und Loslassen liegt die eigentliche Faszination des Albums. Ein Thema kündigt sich an, findet Boden, entzieht sich wieder; Tonarten deuten sich nur an und weichen, Tempoachsen kippen kaum merklich weg, Farbkombinationen bilden sich neu und wieder neu. Manches streift die klangliche Weite jener nordisch-europäischen Kammerästhetik, wie sie das Label ECM seit Jahrzehnten kultiviert – doch Herbert bringt Register aus der jüngeren Gitarrenkunst mit, die diesen Bezug in die Gegenwart hebeln. So nimmt „Probably Possible" den Konjunktiv seines Titels ernst: Nichts an dieser Musik verlässt sich auf Wahrscheinlichkeit, alles bleibt Verhandlung. Genau daraus zieht das Album seine leise, aber sehr entschiedene Kraft.



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