Julie Campiche
Unspoken
TEXT: Stefan Pieper |
Wer Julie Campiche vor circa einem Jahr im Kunstraum Norten bei FineArtJazz erlebt hat, ahnte bereits, dass hier etwas Besonderes heranreift. Was damals noch den Charakter einer Versuchsanordnung hatte – Harfenklänge, die sich mit gesprochenen Worten, elektronischen Schichten und Samples zu etwas eigenwillig Neuem verdichteten –, liegt nun als fertiges Album vor. Und man kann sagen: „Unspoken" löst ein, was diese Live-Momente bereits andeuteten. Und ja: Es geht weiter. Julie Campiche ist hier im weitesten Sinne Harfenistin. Natürlich spielt sie ihr Instrument. Mit einer von zarter Akustik bis zu verzerrten Klangmassen reicht. Campiche lässt hier auch ihre Gesangsstimme erklingen – ebenso feinsinnig, ebenso lyrisch. Sie ist Lyrikerin, Performerin und Konzeptkünstlerin und dabei vor allem eine Aktivistin, die ihre Mittel bewusst wählt.
Der Klang des gelebten Lebens
Auf „Unspoken" rezitiert sie Gedichte, baut vielsprachige Stimmkollagen, arbeitet mit Feldaufnahmen und Alltagsklängen – Geräusche des gelebten Lebens, vom Spielplatz bis zur nächtlichen Straße, werden zu musikalischem Material. Daraus entstehen raffinierte Texturen, in denen das Dokumentarische und das Poetische untrennbar ineinanderfließen.
Jedes der acht Stücke ist einer Frau oder einer Frauenbewegung gewidmet. Da begegnet man Grisélidis Réal, die als Künstlerin und Prostituierte für die Rechte von Sexarbeiterinnen stritt und der bürgerliche Empfindlichkeiten herzlich egal waren. Da sind die mexikanischen Patronas, die an Güterzügen Essen an Migrantinnen verteilen. Und es wird an Tarana Burkes Initialzündung der MeToo-Bewegung erinnert, und da steht das Stück „Zaïna" – Campiches allererste Komposition, rein akustisch, aus der Stille geboren, als Sinnbild für den Zustand vor jeder gesellschaftlichen Zuschreibung. Virginia Woolfs Satz, dass hinter dem Wort „Anonym" in der Geschichte meist eine Frau stand, schwebt als Leitmotiv über allem.
Das klingt nach Programmmusik mit erhobenem Zeigefinger? Genau das ist es nicht. Campiches Stärke liegt darin, dass sie ihre Anliegen nie behauptet, sondern klingen lässt. Wenn in „Maman du ciel" eine drängende Frage sich in übereinandergelegten Stimmschichten verliert, als riefe jemand in einen leeren Raum, dann spürt man die Dringlichkeit körperlich. Wenn sich in „Rosa" kreisende Motive Schicht um Schicht aufstauen, bis der Klang unter der Last zusammenbricht, braucht es keine Erklärung – die Erschöpfung teilt sich unmittelbar mit.
Nachdenken über das Recht, gehört zu werden
Unterstützt wird sie dabei von Fabien Iannone am Bass, der auch die Aufnahmen im Genfer Marelle Studio verantwortete. Im Mix halfen unter anderem Nik Bärtsch und Martin Ruch, was man der klaren, gleichzeitig atmosphärisch aufgeladenen Produktion anhört. „Unspoken" ist ein mutiges Album. Es verlangt Aufmerksamkeit, belohnt sie aber mit Momenten von bestürzender Schönheit und unbequemer Wahrhaftigkeit. Das ist ein klingendes Nachdenken über Sichtbarkeit, Stärke und das Recht, gehört zu werden.
Julie Campiche: Unspoken. Ronin Rhythm Records. Fabien Iannone (Bass). Komposition und Arrangement: Julie Campiche. Mix: Martin Ruch, Leo Fumagalli, Julie Campiche und Nik Bärtsch.
