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Johanna Borchert und Miles Perkins

The Match

Köln, 05.04.2026
TEXT: Stefan Pieper | 

Von der Pianistin und Sängerin Johanna Borchert sind starke Erinnerungen hängen geblieben von ihrer Band „Schneeweiss & Rosenrot" – das war ein Projekt mit Lucia Cadotsch, Petter Eldh und Marc Lohr, das im Jahr 2012 mit dem Neuen Deutschen Jazzpreis ausgezeichnet wurde. Jetzt gibt es ein Wiederhören mit dieser starken Simme, in neuer Konstellation. Zusammen mit dem kanadischen Kontrabassisten Miles Perkin, der seit 2010 in Berlin lebt, hat sie das Duo „The Match" gegründet. Ihr Debütalbum auf enja/Yellowbird lässt aufhorchen.

Was diese Platte im Kern auszeichnet, ist eine Gleichzeitigkeit von düsteren Kräftefeldern und intimer Zartheit. Beides existiert hier nicht als Gegensatz, sondern als zwei Seiten desselben musikalischen Gedankens. Borchert vereint klassische Prägung, die Freiheitsliebe des Jazz und die Neugier auf außereuropäische Klangwelten. Perkin, aufgewachsen in der kanadischen Prärie, bringt eine Weite mit, die sein Spiel hörbar prägt. Was die beiden verbindet, ist eine bemerkenswerte Symmetrie: Beide spielen, beide singen, beide komponieren – und ihre Stimmen finden immer wieder in einer Mehrstimmigkeit zusammen, die dieses Duo von der üblichen Rollenverteilung zwischen Harmonie- und Bassinstrument grundlegend unterscheidet.

Das Eröffnungsstück „Last in the Pack" setzt den Ton: eine klare Melodie am präparierten Klavier, eine verletzliche Gesangsdarbietung, sparsame Bassfiguren. Unter der zarten Oberfläche liegt ein Sog, und wenn der Refrain sich öffnet, geschieht das mit einer ruhigen Entschiedenheit, die mehr freigibt als erwartet. Überhaupt ist die Dramaturgie des Albums bemerkenswert durchdacht. Kurze, scharfe Stücke wie „Breaking" – perkussive Bassimpulse, abgerissene Vokal-Schnipsel – wechseln sich mit ausgedehnten Klangerzählungen ab, ohne dass das Ganze je den Faden verliert. Die Kunst liegt darin, wie mühelos hier Songwriting und freie Improvisation, Pop-Melodik und experimentelle Textur ineinandergreifen.

Mit „Repairing" erreicht das Album sein Zentrum. Über sechs Minuten bauen sich mehrschichtige Klavierflächen, gedehnte Bass-Drones und vokale Schichtungen auf. Borcherts Stimme, elektronisch überhöht und in Klangflächen gehüllt, bewegt sich zwischen samtiger Weichheit und beschwörender Schwere. „Beneath the Undertow" zieht die dunkle Linie weiter – tiefe Bass-Resonanzen, hallige Akkorde, eine Stimme zwischen Flüstern und Aufschwung –, bis Perkin seinen Gesang dazugibt und die beiden Stimmen sich verschränken und tragen. Das hymnische „Under We Go" und das dramatische „Losing It" zeigen dann, wie viel stilistische Bandbreite in nur zwei Musikern stecken kann, wenn die Instrumentenbeherrschung so souverän ist, dass sie nie zum Selbstzweck wird.

Zu den emotionalen Herzstücken gehört „Dark Again" – ein langsamer Aufbau über fast sieben Minuten, bei dem das Dunkle immer wiederkehrt und gerade darin eine Zärtlichkeit freilegt. „Just as I Was Told" setzt den Schlusspunkt: lakonisch, reduziert, ein Nachhall von Unsicherheit und leiser Hoffnung. Neun Stücke, vierzig Minuten, aufgenommen im Juni 2024. Eine Platte, auf der das Finstere und das Zarte einander nicht ausweichen, sondern sich gegenseitig hervorrufen – bis hinein in zwei Stimmen, die sich finden, als wäre das eine ohne das andere nicht denkbar. Wer das live erleben will: Am 9. April im Kölner Stadtgarten, am 10. April im Dortmunder domicil.

 PRELISTEN AND ORDER 

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