Joachim Zoepf /Gunda Gottschalk / Marlies Debacker
All You Can Hear
TEXT: Stefan Pieper |
Alles fängt mit Atem an. Luft wird durch ein Rohr geschoben, sucht sich den Weg, findet eine Kante, an der sie zu schwingen beginnt – und schon ist aus Physik Musik geworden. Darüber legt sich ein Streichen, zart wie Haar auf Saite, und im Inneren des Flügels regt sich etwas Hölzernes, das sich beim ersten Hören kaum orten lässt. Drei Instrumente tasten sich an eine gemeinsame Gegenwart heran, und dieses Tasten ist bereits die Musik.
Neun Stücke, durchnummeriert von eins bis neun, und alle tragen denselben Titel: „Annäherung”. Darin steckt eine Haltung. Joachim Zoepf an Bassklarinette und Sopransaxofon, Gunda Gottschalk an Geige und Bratsche, Marlies Debacker am Flügel verstehen das Annähern als die eigentliche Arbeit und stellen es über fünfzig Minuten hinweg aus. Wer sich darauf einlässt, findet reichlich zu entdecken.
Zoepf hat dieses Trio 2023 ins Leben gerufen, und die Konstellation bringt zwei Generationen an einen Tisch. Gottschalk gehört seit Peter Kowalds Wuppertaler Dauerexperiment am ORT zu den klarsten Stimmen im Grenzland zwischen Notation und Augenblick, Zoepf baut seit den Achtzigern an den Kölner Infrastrukturen mit, in denen diese Musik überhaupt Platz findet. Die 1992 geborene Belgierin Marlies Debacker lehrt an der Kölner Musikhochschule Klavier, freie Improvisation und zeitgenössische Spieltechniken, gastiert bei Musikfabrik, ICTUS und hand werk und war 2023 für den Deutschen Jazzpreis nominiert – das Notierte und das Entstehende waren für sie nie zweierlei.
Die Fluchtlinie der Aufnahme führt nach Rom, zu Franco Evangelisti und seinem Gruppo di Improvvisazione Nuova Consonanza – jener Werkstatt, in der Komponisten die Partitur aus der Hand legten, um dem Material beim Entstehen über die Schulter zu schauen. Was hier entsteht, kommt ohne Noten aus und nimmt sämtliche Verbindlichkeiten der Kammermusik mit: Aufmerksamkeit, Durchhörbarkeit, Verantwortung für den Gesamtklang.
etwas Aushandeln auf Augenhöhe
Das vorliegende Album wirkt wie eine logische Konsequenz solcher Voraussetzungen: Zu verfolgen ist in ein unablässiges Aushandeln auf Augenhöhe, bei dem die Instrumente mit erstaunlicher Beiläufigkeit ihre Identität abgeben. Ein Mehrklang der Bassklarinette setzt dort an, wo ein Flageolett der Bratsche endet; ein gezupfter Klavierbass wird vom Pizzicato weitergetragen, als gehörte beides zu einem einzigen Körper. Die Zuordnung der Stimmen gerät dabei zunehmend ins Rutschen, bis sie sich erledigt. Ab diesem Moment öffnet sich die Platte.
Am meisten beeindruckt die Ökonomie. Die drei lassen Stellen stehen, an denen fast nichts geschieht, und genau dieses Fast-Nichts steht unter Spannung. Binnen Sekunden kippt eine solche Fläche in einen Wirbel, der zunächst nach organisiertem Durcheinander klingt und sich bei genauerem Hinhören als präzise Arbeitsteilung entpuppt. Zwischendurch blitzt Witz auf, trocken und im Vorbeigehen. Gegen Ende scheidet sich aus dem Geflecht etwas ab, das man Melancholie nennen müsste: ein tonaler Rest, eine Erinnerung an Komposition, die als Erinnerung bestehen bleibt und ohne Zitat auskommt. Sie hält kurz an, dann zieht sie weiter. Diese Musik verlangt jene Konzentration, die man sich im Konzertsaal leichter abringt als daheim. Wer sie mitbringt, erlebt etwas, das sonst dem Live-Moment vorbehalten bleibt: dabeigewesen zu sein bei einem Vorgang, der jederzeit anders hätte ausgehen können.
