Hilde
Timbre
TEXT: Stefan Pieper |
Jeder Gedanke, den wir fassen können, grenzt an einen, der sich uns entzieht. Jede klare Empfindung wirft einen Schatten ins Unbestimmte. Timbre, das dritte Album des Kölner Quartetts Hilde, macht diesen Übergang hörbar – den schmalen Grat zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten. Erschienen ist es soeben auf dem Label boomslang-Records und ist als CD, Vinyl und Download erhältlich.
Fünfzehn Stücke in knapp 41 Minuten, davon viele kaum länger als eine Minute, und trotzdem dichter und zwingender als manches doppelt so lange Werk. Der Titel ist Programm: Klangfarbe, nicht Melodie oder Harmonie, ist die Ebene, auf der hier verhandelt wird – die Beschaffenheit des Klangs selbst, sein Gewicht, seine Temperatur, seine Oberfläche.
Durchlässige Aggregatzustände
Hilde sind aus dem Kölner Dorf/Umland-Kollektiv hervorgegangen, einer Szene, in der Jazz, Improvisation und Neue Musik keine getrennten Fächer sind, sondern durchlässige Aggregatzustände. Die Besetzung – Stimme, Violine, Cello, Posaune, kein Schlagzeug – war von Beginn an programmatisch: vier Stimmen im wörtlichen Sinn, die sich ohne Absicherung aufeinander einlassen müssen. Die Stücke sind Destillate aus improvisierten Konzerten und Sessions, einmal im Jahr geht die Band in Klausur, um Neues entstehen zu lassen – ein Prozess, der weniger dem Komponieren gleicht als dem Freilegen von Formen, die im gemeinsamen Spiel bereits angelegt waren.
Die Songs sind hier das Bewusste, das Fassbare, während die freien Klänge Türen öffnen in die Unendlichkeit des Unbewussten – in Schichten, die sich der Kontrolle entziehen und gerade deshalb so tief reichen. Wenn Marie Daniels in „Love Letter" singt, löst sich ihre coole, unprätentiöse Stimme vom Text und wird zur Instrumentalschicht, die aus dem Ensemble herauswächst, statt ihm gegenüberzutreten. Was Julia Brüssel und Emily Wittbrodt auf Violine und Cello entfalten, ist Streicherartistik, die jeder Komposition der Neuen Musik das Wasser reichen kann und doch konsequent improvisiert entstanden ist. Maria Trautmann arbeitet auf der Posaune mit Luft und Resonanzräumen, und vor allem wenn sie den Dämpfer einsetzt, betritt ein weiterer Charakterdarsteller die Bühne dieses imaginären Klang-Theaters, etwas seltsam Menschliches, das sich neben Daniels' Stimme behauptet, ohne sie zu imitieren.
Schönheit zulassen
„Barranco", mit über sechs Minuten das längste Stück, entfaltet Spannungsbögen von atmender Langsamkeit, während die kurzen Nummernstücke „Three", „Eleven" und „Twentyeight" als kristallisierte Gesten dazwischen funktionieren. Die Musik bewegt sich additiv, nie in Wiederholung, als folge sie einer Traumlogik, in der jede Szene zugleich vertraut und fremd erscheint. Was Hilde vor dem Abdriften ins Verkopfte bewahrt, ist ihre Fähigkeit, Schönheit zuzulassen, ohne sie zum Programm zu erheben. Auch „Clouds" und „Hope" besitzen eine fragile Emotionalität, die sich jeder Beschreibung entzieht. Man könnte Morton Feldmans Zeitlosigkeit bemühen, die Feinzeichnung skandinavischer ECM-Produktionen oder die Offenheit frei improvisierter Musik, doch letztlich klingt Hilde nach sich selbst. Vier Musikerinnen, deren radikales Experiment darin besteht, sich nirgends einzuordnen, haben ein Album gemacht, das dorthin führt, wo das Bewusste ins Unergründliche kippt. Wer sich darauf einlässt, hört danach anders.
Hilde – Timbre (Galileo Music Communication / Boomslang Records, 2026)
Julia Brüssel – Violine | Marie Daniels – Stimme | Maria Trautmann – Posaune | Emily Wittbrodt – Cello
