Heko Gantenberg
Der weiße Elefant
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Heiko Gantenberg
Was hat ein Reisebuch in einem Musikmagazin zu suchen? Mehr als man denkt. Denn Reisen hat auch immer mit Improvisation, Integration des Fremden, Entdeckung des Neuen, Toleranz für das Andersartige und kreativen Entscheidungen zu tun. Heiko Gantenberg ist zweieinhalb Jahre mit dem Motorrad um die Welt gefahren, um die letzten Protagonisten traditioneller Tätowierkunst zu finden. Doch sowohl auf dieser Reise als auch in seinem über 800 Seiten starken Buch „Der weiße Elefant“ geht es um noch viel mehr: um die Welt, wie sie wirklich ist. Denn hier schreibt einer, der interessiert, was hinter dem Horizont liegt.
Leidenschaft für indigene Kulturen
952 Tage, 104.000 Kilometer, 25 Länder. Sein weißes Motorrad, eine Honda Africa Twin, liebevoll
„Der weiße Elefant“ getauft, trug ihn vom nordrhein-westfälischen Marl durch den Vorderen Orient und Indien nach Südostasien, weiter über Australien und Neuseeland, Nordamerika und schließlich zurück ins Ruhrgebiet. Gantenberg, in der Szene als Dr. Notch bekannt, betreibt dort seit 1989 eines der ältesten Tätowierstudios Deutschlands. Seine Lehrjahre absolvierte er in den USA und bekam dort früh die globale Perspektive auf eine Kunst, die seither seine Leidenschaft ist. Auf die große Reise ging er, weil es ihn zu den Primärquellen zog: jenseits modischer Instagram-Ästhetik interessierten ihn jene indigenen Traditionen, in denen Tätowierung noch Bedeutung trägt, die über Dekoration hinausreicht – es ist immerhin die älteste künstlerische Ausdrucksform der Menschheit, älter als Höhlenmalerei oder Skulptur.
Monate nach seinem Aufbruch sitzt er tatsächlich am Feuer mit Kopfjägern in Nagaland, Nordost-Indien. Er hat sie aufgespürt, jene legendären Krieger mit den tätowierten Gesichtern, von denen er nur gehört hatte. Manche sind über hundert Jahre alt. Sie haben ihre Zeichen bekommen, bevor der weiße Mann sie beherrschte. Allein um dies noch selbst zu erfahren, war es höchste Zeit, sich auf den Weg zu machen.
Eingebettet in den Kontext dieser Reise steht das Thema Tätowierung nicht hermetisch für sich. Es eröffnet etwas noch viel Größeres, das für alle echten, überlieferten menschlichen Kulturformen gilt: Es steht für verkörpertes Wissen, das mit dem Tod seiner Protagonisten verschwindet, für Identität und Zugehörigkeit in Gesellschaften, die noch nicht von der „Zivilisation“ korrumpiert wurden, und für eine nonverbale Sprache des Respekts, die Barrieren überwindet. Gantenbergs eigener tätowierter Hals wurde zum universellen Erkennungszeichen bei den tätowierten Frauen in Gujarat oder wo auch immer. Mit dem eigenen Tätowierzeug im Gepäck kann er auch immer Kostproben seines Könnens weitergeben – auch das ein Geben und Nehmen auf Augenhöhe.
Mit dem Motorrad zu reisen war der Schlüssel. Als Einzelperson auf zwei Rädern wirkt man vertrauenserweckend und nicht bedrohlich, eben wie ein Abenteurer und kein reicher Tourist. Die Türen öffnen sich. Zugleich ist das Motorrad eine sinnliche Wahrnehmungsmaschine, denn alles wirkt in direkter Konfrontation mit den Elementen so viel unmittelbarer: Nicht nur in Indien riecht man das Essen, den Abfall, die Kuhfladen, die üppige Natur – alles ist unmittelbar da und man selbst ist ganz tief drin. Auf dem Karakorum-Highway überkommt einen die Überwältigung beim ersten Anblick von K2 und Nanga Parbat. Gantenberg verschweigt nicht die Strapazen. Tagesetappen bis sechshundert Kilometer unter heftigsten Straßenverhältnissen machen diese Fahrt zu einer gigantischen Ausdauerleistung.
„Der weiße Elefant“ wächst als Buch souverän über alle Genres und Schubladen hinaus – vor allem über jeden Selbstfindungskitsch oder eitlen Abenteuer-Egotrip, den Gantenberg generös anderen Reiseschreibern überlässt. Er ist dafür viel zu aufrichtig. In Indien steht er fassungslos vor dem Kastensystem und der Niedertracht, mit der Menschen einander behandeln, als wäre das die natürlichste Sache der Welt. Zugleich erlebt er, nur Meter weiter, das göttlichste Essen und überwältigende Gastfreundschaft. In Neuseeland bewundert er das tiefe Lebensgefühl der Maori und ein starkes Selbstbewusstsein, mit dem sie jedem Kolonialisierungsversuch des „Westens“ auch heute noch widerstehen – ganz im Gegensatz zu den australischen Aborigines, denen dies nicht gelang. Eine Grunderfahrung durchzieht das Buch: Überall leben großartige Menschen, man muss ihnen nur auf Augenhöhe begegnen. Und ja, genug Freigeister, die – manchmal auch unter unfreien Verhältnissen – unbeirrt ihr Ding machen, gibt es auf diesem Planeten allemal.
Je ärmer, desto hilfsbereiter
Je ärmer die Leute, desto hilfsbereiter sind sie. Überall auf der Welt. Ein Elektriker auf Flores will kein Geld für die Reparatur an der Fahrzeugtechnik der Reiseenduro. In Indonesien ist sie ein Geschenk, während im „zivilisierten“ Australien das Aufziehen eines Reifens 150 Dollar extra kostet. Heikos Erlebnisse machen auf so vielen Ebenen die Bedrohung des Ursprünglichen durch eine von Geld regierte „Zivilisation“ mit ihren ganzen Gängelungen und Absurditäten sichtbar. Am ökologischen Wahnsinn, der daraus folgt, ist er auf seiner Reise hautnah dran. In Indonesien fährt er Landstriche, die aussehen wie nach einem Krieg: Palmölplantagen erstrecken sich, wo vorher Regenwald stand. Auch das fragile Erbe der Dayak auf Borneo wurde unter den Planierraupen begraben. Er verschweigt auch die Gefahren auf diesem Trip nicht: Unter bewaffnetem Geleitschutz muss er durch Belutschistan fahren, jenes Nadelöhr zwischen Iran und Pakistan, durch das fünfundneunzig Prozent des Weltopiums geschmuggelt werden. Ein Menschenleben hat hier einen Wert von fünfzig Dollar, sagt man. In Myanmar erleidet Gantenberg einen physischen Zusammenbruch durch schwere Erkrankung. Die Fernbeziehung zu seiner Partnerin wird zur Lebensader. Im nordamerikanischen Yukon überfällt ihn Beklemmung, weil tagelang kein Mensch zu sehen ist. Die Reise, die in den Jahren 2014 bis 2016 stattfand, liefert auch zeitgeschichtliche Momentaufnahmen: Gantenberg sitzt mit irgendwelchen Leuten in den USA vor einem Fernseher, wo zum ersten Mal von Donald Trump die Rede ist.
Der gleichmäßig getaktete Erzählstil verbindet Beschreibungen des Erlebten mit kenntnisreichen Hintergrundinformationen; dargeboten in kurzen, klaren Sätzen, erzeugt dies einen Sog, der beim Lesen nicht mehr loslässt. Der Autor inszeniert sich bei alledem nie als Welterklärer. In der Beschreibung des Empfundenen liegt dafür umso mehr Aufrichtigkeit. Der Mann, der losfuhr mit dem Glauben, in der besten Gesellschaftsordnung zu leben, kommt schließlich als ein anderer zurück. Und sein Buch zeigt, dass das Leben mehr ist als Planung und Konsum, es ist Risiko, Begegnung, Lernen und Staunen. Dafür gibt „Der weiße Elefant“ dem aufgeschlossenen Leser viele Anregungen mit auf den Weg. Illustriert ist das Buch nicht mit Fotos, sondern mit liebevollen Zeichnungen von Martin














