Hans Lüdemann TransEuropeExpress
On the Edges 4 – Oriental Express
TEXT: Stefan Pieper |
Seit 2019 fährt Hans Lüdemann mit seinem Oktett an den Säumen Europas entlang. On the Edges heißt das Langzeitprojekt, das in jeder Folge an einem anderen Rand des Kontinents Station macht und dort eine Gaststimme an Bord holt: zuerst der Maghreb, dann Skandinavien, dann Italien. Mit der vierten Etappe steuert der Express nun den Bosporus an, und der Untertitel Oriental Express verrät die Richtung schon im Namen. Im Zentrum steht diesmal die türkische Ney-Virtuosin Burcu Karadağ, deren Flöte dem Album sein Atemzentrum gibt. Die Aufnahme erscheint am 22. Mai 2026 auf BMC Records.
Die Ney ist ein Instrument, das man nicht überreden kann. Ihr Ton beginnt mit Luft und Rauheit, er braucht Raum, lange Bögen, das ruhige Ausschwingen einer Phrase. Genau darin liegt der dramaturgische Reiz dieser Platte: Karadağs schilfige, ein wenig herbe Klangrede verlangsamt die europäischen Improvisationslinien, modalisiert sie, zieht Stille in das Geschehen hinein und macht das Schweigen zwischen den Tönen zum kompositorischen Mittel. Wo das Oktett sonst auch dicht und drängend agieren kann, lernt es hier zu lauschen.
Lüdemann hat dafür ein Ensemble versammelt, das zwischen Kammermusik und Jazz mühelos changiert. Régis Huby an Violine und Elektronik öffnet weite, glissandierende Farbräume; die Bläser Alexandra Grimal an den Saxofonen, Angelika Niescier an Alt und Klarinette sowie der Posaunist Yves Robert verweben sich zu beweglichen, oft mehrstimmigen Sätzen. Darunter spannen Gitarrist Ronny Graupe, die Bassistin Clara Däubler und der Schlagzeuger Dejan Terzic ein elastisches Fundament, das mal frei pulsiert, mal in ungeraden Metren tänzelt. Lüdemann selbst dirigiert vom Klavier aus mit klangfarbigem Gespür, mehr Gastgeber als Vordergrundsolist.
Das Faszinierende ist, wie hier zwei Sprachen einander begegnen, ohne dass eine die andere übertönt. Wendungen aus der Makam-Tradition, ihre mikrotonalen Beugungen und modalen Skalen, werden nicht als exotisches Zitat eingestreut, sondern in harmonische Felder übersetzt, die das westliche Instrumentarium aufgreift, kommentiert, weiterträgt. So entsteht ein wirklicher Dialog: Die Ney stellt eine Frage, das Ensemble antwortet in seiner eigenen Tonart, und beide finden in der Bewegung zueinander. Mal weitet sich das in meditative, beinahe schwebende Flächen, mal verdichtet es sich zu groovenden Passagen, in denen die orientalische Melodik plötzlich Schwung und Erdung gewinnt.
Es ist hörbar ein Projekt der Begegnung, gewachsen aus Lüdemanns längeren Aufenthalten in Istanbul und dem direkten Austausch mit seiner Gastkünstlerin. Diese Sorgfalt zahlt sich aus: Oriental Express klingt nicht nach einem aufgesetzten Crossover, sondern nach einem gemeinsam erkundeten Terrain, auf dem die Musikerinnen und Musiker einander mit echtem Interesse zuhören. Die Spannung lebt von Feinheiten, vom Wechsel zwischen elektronisch gefärbter Streicherfarbe und warmem akustischem Bläserklang, vom Gewicht einer einzelnen, lange gehaltenen Flötenphrase.
Wer die bisherigen Folgen schätzt, wird auch diese als das hören, was sie ist: ein weiterer Stein in einem klingenden Mosaik Europas, das seine Schönheit gerade an den Rändern entfaltet, dort, wo die Kulturen sich berühren. Eine kluge, sinnliche Produktion, die das Reisen als künstlerische Haltung versteht und am östlichen Rand einen ihrer eindrucksvollsten Halte einlegt.
