Fuchtsthone Orchestra
Peaks and Plots
TEXT: Stefan Pieper |
Zweiundzwanzig Musikerinnen und Musiker, eine doppelte Leitung, ein Apparat, der auf dem Papier nach klassischer Big Band aussieht – und der sich schon beim ersten Hören als etwas anderes entpuppt. Werkstatt eher als Maschine. Christina Fuchs und Caroline Thon haben das Fuchsthone Orchestra vor einigen Jahren in Köln zusammengerufen, und ihr Debüt „Structures & Beauty" hatte 2023 bereits gezeigt, dass hier weder die Big-Band-Tradition noch ihr akademischer Gegenpol gefällig bedient werden sollen. „Peaks & Plots", das nachfolgende Album (Unit-Records), geht in jeder Hinsicht weiter.
Der Titel verrät die Methode. Was die beiden Leiterinnen verarbeiten, sind keine abstrakten Klangideen, sondern Resonanzen aus dem zurückliegenden Jahr, Ereignisse, die nach Bearbeitung verlangt haben. „Peaks" stehen für die Auslöser, „Plots" für das, was daraus an erzählerischen Linien gewonnen wird. Kein griffiges Konzept, sondern hörbar gelebte Haltung.
Klingende Zeitzeugenschaft
Caroline Thon s „Savita" etwa erinnert an Savita Diana Wagner, eine junge Frau, die ihre Hilfe in der Ukraine mit dem Leben bezahlt hat und deren Tagebuchstimme aus dem Kriegsalltag im Netz zu lesen war. Das Stück trauert nicht in großen Gesten, sondern arbeitet mit Innenspannung: behutsam gesetzte Bläserschichten, getragen von einem Saxophonsatz, in dem Stimmen wie Roger Hanschel , Jens Böckamp und Kira Linn mit feinem Strich phrasieren, ein Melodiebogen, der eher fragt als anklagt, eine Sorgfalt im Detail, die der Würde des Anlasses entspricht. Christina Fuchs' „Taksim" wiederum nimmt einen Aufenthalt in Istanbul zum Ausgangspunkt, mitten in einer Phase politischer Anspannung entstanden. Stadtklänge, ferne Gebetslinien, das Atmen der Metropole liegen als zweite Schicht unter dem Ensemblesatz; die Stimme von Filippa Gojo und die Violine von Zuzana Leharová ziehen darüber Linien, die zwischen Erinnerung und Gegenwart oszillieren. Dass das Wort „Taksim" nicht nur den berühmten Platz im Herzen der Stadt bezeichnet, sondern in der Musik dieser Region zugleich die improvisatorisch freie Linienführung meint, lässt das Stück bewusst mitschwingen.
In „Le Champ" schließlich, einer der riskantesten Kompositionen des Albums, übersetzt Thon Pierre Bourdieus Denken über soziale Verteilung in eine Klangdramaturgie, die zwischen elektronischer Reduktion, ungebremster Rockenergie und den hellen, glitzernden Klangbahnen des Vibrafons changiert. Hier kommt die griechische Gastsolistin Evi Filippou ins Spiel, die das orchestrale Gewebe an Schlüsselstellen nicht schmückt, sondern von innen heraus verschiebt. Den nötigen Drive liefert die Rhythmusgruppe um Laia Genc am Piano, Andreas Wahl an der Gitarre, Alex Morsey am Bass und Jens Düppe am Schlagzeug, während das Blech – etwa über John-Dennis Renkens Trompete oder die Posaunen von Philipp Schittek und Moritz Wesp – immer wieder neue Kanten in die Fläche treibt.
Keine Konkurrenz
Was „Peaks & Plots" zusammenhält, ist die Doppelhandschrift. Fuchs denkt vom Puls her, schichtet Fragmente, lässt Akkorde als Räume nach oben offen stehen. Thon kommt vom melodischen Keim, treibt ihre Bögen durch Variation und Verdichtung, mitunter in der Nähe Bartóks und seiner Idee, ein ganzes Werk aus einer einzigen Zelle zu entfalten. Beides bleibt erkennbar, gerät aber nirgends in Konkurrenz – im Gegenteil, gerade der Wechsel der Temperaturen gibt dem Album seinen Atem. Eva Pöppleins Live-Elektronik wirkt darin wie ein zweites Nervensystem, das die akustischen Schichten unterläuft, ihnen widerspricht, sie kommentiert. Aus den brennenden Tutti lösen sich Soli, weichen ins Flüstern, kehren in geweitete Landschaften zurück. Die Dirigentinnen führen diese Dramaturgie mit einer Selbstverständlichkeit, die zeigt, wie weit dieses Orchester seit seinem Debüt gewachsen ist.
„Peaks & Plots" ist Big-Band-Musik nur dem äußeren Apparat nach. In Wahrheit ist es zeitgenössische Kammermusik im großen Format – politisch hellwach, klanglich neugierig, dramaturgisch souverän. Wer hören will, wie ein Jazzorchester der Gegenwart Stellung bezieht, ohne sein Handwerk zu verraten, ist hier richtig.

