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Eivind Aarset 4tet

Strange Hands

Oslo, 05.05.2026
TEXT: Stefan Pieper | 

Manche Gitarristen spielen Akkorde, andere bauen Räume. Eivind Aarset gehört seit Electronique Noire (1998) zur zweiten Kategorie – und hat diese Ästhetik zwischen Ambient, Jazz und Post-Rock über Jahrzehnte konsequent weiterentwickelt, ohne sie zu verwässern. Strange Hands (April 2026) zeigt ihn nun erstaunlich direkt: mit einer spürbaren Öffnung hin zu rockigeren, fast songhaften Formen – aber ohne jede Anpassung an Konventionen.

Vor allem der Opener Snow Crash macht das deutlich. Das Stück ist kurz, kompakt, riffbetont und erstaunlich eingängig. Doch wer hier einfache Rockstrukturen erwartet, wird schnell eines Besseren belehrt: Kleine Verschiebungen, feine Brüche und klangliche Nebenwege stellen klar, dass es um viel mehr geht. Genau darin liegt die Stärke: Alles bleibt in Bewegung und im Fluss, selbst dort, wo es scheinbar direkt wird.

Die Band um Audun Erlien (Bass), Wetle Holte (Drums) und Erland Dahlen (Perkussion, Electronics) agiert dabei wie ein organisches Klangsystem: präzise, aber nie statisch, druckvoll ohne Lautstärke-Übertreibung. Hinzu bereichern zwei Gäste das neue Album: Sara Övinge (Violine) setzt mit ihrem klaren, subtilen leuchtenden Ton feine Reibungen gegen die elektronischen Flächen. Ihr Spiel wirkt weniger wie klassische Linienführung, sondern eher wie ein punktuelles Aufleuchten – kurze, präzise Gesten, die den Klangraum immer wieder neu konturieren. Mira Thiruchelvam bringt mit dem Pullankulal ein völlig anderes Zeitgefühl ins Spiel. Die südindische Bambusflöte klingt rauer und luftiger als westliche Querflöten und auch dieser Klang ist hier auf Bewegung ausgelegt: Töne kippen und gleiten ineinander und wirken wie ein kontinuierliches Atmen im Material selbst. Dadurch entsteht eine fragile, aber sehr körperliche Präsenz, die sich nicht über den Soundmix legt, sondern in ihn hineinzieht.

Die Intensität entsteht aus der Struktur 

Der Titeltrack Strange Hands nimmt anschließend bewusst Tempo heraus. Hier zeigt sich die typische nordische Klangsprache in Reinform: schwebende, fragile Flächen, ein leicht trippiges Slow-Motion-Gefühl, darüber eine Gitarre, die seufzt und atmet und kaum phrasiert. Mit Slumberjack kehrt die Direktheit zurück. Der Groove ist direkter, das Schlagzeug bodenständig, fast rockig im klassischen Sinn. Diese Musik könnte durchaus „funktionieren“ im konventionellen Sinne – tut es aber nie vollständig. Stattdessen bleibt sie offen, und genau das macht sie anschlussfähig, auch für Hörer, die sonst eher außerhalb dieser Klangwelten unterwegs sind. Deep Green schürft deutlich tiefer. Der dichte Gitarrenklang bildet eine Art schwebenden Resonanzraum für die Linien des Pullankulal. In Space Bob rückt die Rhythmussektion stärker in den Vordergrund. Holte und Dahlen bauen eine bewegliche, fast funkig oszillierende Struktur, über der sich die Musik stetig verdichtet. Die Steigerung ist deutlich spürbar, aber nie unkontrolliert – weil harmonische Verschiebungen und feine Brechungen dafür sorgen, dass die Spannung immer offen bleibt. Der Schluss What Drifts Below zieht die Musik schließlich weit zurück. Fast kammermusikalisch wirkt das, reduziert und ruhig, eher wie ein sanftes Ausschleichen als ein Finale. Gerade dadurch wird noch einmal klar, worum es auf diesem Album geht: um Kontrolle, um Balance – und um die Kunst, Intensität nicht über Lautstärke, sondern über Struktur entstehen zu lassen.

Strange Hands zeigt Eivind Aarset als Musiker, der seine Sprache längst gefunden hat – und sie trotzdem beweglich hält. Keine Revolution, aber eine konsequente Weiterentwicklung: präzise, offen und in sich erstaunlich stimmig.

ORDER ALBUM 

Livedates in NRW 

26. September: New Colours Festival, Gelsenkirchen

27. September Musikbunker Aachen 

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