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Edgar Knecht

Colours of Europe

Kassel, 23.03.2026
TEXT: Stefan Pieper | 

Wer Edgar Knechts bisherige Arbeit kennt, weiß um seine besondere Gabe: alte Melodien so zu berühren, dass sie aufwachen, ohne zu erschrecken. Was er mit deutschen Volksliedern angestellt hat – dieses behutsame Öffnen, dieses Hineinhorchen in vergessene Schönheit –, war schon für sich genommen bemerkenswert. Nun weitet er den Bogen über Landesgrenzen hinaus. Frankreich, Italien, Spanien, Österreich: Sieben Melodien aus dem kollektiven Gedächtnis des Kontinents werden hier in etwas Neues verwandelt, das zugleich vertraut klingt. Dafür hat sich Knecht eine handverlesene, feine Besetzung zusammengestellt – echte Charaktere, die in Sachen Aufrichtigkeit ihrem Bandleader in nichts nachstehen.

Was sofort auffällt, ist Knechts lyrisches Klavierspiel. Es drängt sich nie auf, es führt eher, wie ein guter Gastgeber, der seine Gäste ins Gespräch bringt und sich dann zurücknimmt. Und was für Gäste: Luciano Biondinis Akkordeon schmiegt sich in „Tarantola" so selbstverständlich an die Klavierlinien, als hätten die beiden schon immer zusammen musiziert. Pau Figueres' Flamenco-Gitarre gibt „Arturiana" eine Erdigkeit, die Knecht dann mit Synthesizer-Flächen ins Weite treibt – Progressive Rock grüßt aus der Ferne, und es funktioniert. Christoph Pepe Auers Bassklarinette legt dunkle Schatten unter einzelne Stücke, Frederik Kösters Trompete setzt helle Akzente darüber.

Das alles könnte beliebig wirken, tut es aber nie. Denn Knechts Trio mit dem verlässlichen Tobias Schulte am Schlagzeug und dem vielseitigen Till Spohr am Bass bildet ein Fundament, das alles trägt. Besonders reizvoll ist das patentierte Pizzicato-Pedal, mit dem Knecht seinen Flügel in ein gedämpftes Zupfinstrument verwandelt – ein Klang, der an Cembalo und Harfe gleichzeitig erinnert und diesen Aufnahmen einen ganz eigenen Fingerabdruck gibt.

Was bleibt, ist eine friedliche und doch erstaunlich vielgestaltige Musik. „Colours Of Europe" klingt wie ein Plädoyer dafür, dass kulturelle Vielfalt kein Problem ist, sondern ein Geschenk – ausgesprochen nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern einfach dadurch, dass hier Melodien aus verschiedenen Ländern mühelos zueinanderfinden. Die hohe Kunst, einen Kontinent zum Singen zu bringen. Das tut der Seele wohl, gerade in unruhiger Zeit.

Edgar Knecht: Colours Of Europe. GLM Music. Tobias Schulte (Drums), Till Spohr (Bass). Gäste: Luciano Biondini (Akkordeon), Christoph Pepe Auer (Bassklarinette), Frederik Köster (Trompete), Pau Figueres (Gitarre).

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