Charles Lloyd
Sangam & Friends
TEXT: Stefan Pieper |
Den amerikanischen Saxofonisten Charles Lloyd und den indischen Tablavirtuosen Zakir Hussain verband weit mehr als die gemeinsame Bühne: eine geistige Verwandtschaft, die jeder gemeinsamen Note vorausging. Beide waren Suchende, für die ein Weg war, dem Unsagbaren näherzukommen – der eine über den Blues des Mississippi, der andere über die jahrhundertealten Traditionen des indischen Subkontinents. Dass sich diese beiden Ströme begegneten, war weniger Zufall als Fügung. Als Hussain im Dezember 2024 starb, wurde aus einem lange ruhenden Studioprojekt unversehens ein musikalischer Nachruf. Was der inzwischen 88-jährige Lloyd nun bei Blue Note veröffentlicht, sind überwiegend Aufnahmen aus dem Jahr 2009, entstanden in einem Studio in Mumbai – kaum je gehört und nun erstmals versammelt. Sangam & Friends ist deshalb weniger ein neues Album als ein spät geöffnetes Fenster auf eine der eindrucksvollsten interkulturellen Begegnungen, die der Jazz der vergangenen Jahrzehnte hervorgebracht hat.
Entstanden ist diese Musik im Umfeld von Hussains jährlichem Gedenkkonzert für seinen Vater, den Tabla-Großmeister Alla Rakha. Anschließend ging das Sangam Trio – Lloyd, Hussain und Schlagzeuger Eric Harland – mit einer erlesenen Riege indischer Musiker ins Studio: Rakesh Chaurasia an der Bansuri, Sabir Khan an der Sarangi, Sänger Vijay Prakash, Keyboarder Ranjit Barot sowie Niladri Kumar an akustischer und elektrischer Sitar. Wer diese Besetzung als exotische Zugabe zum Jazz missversteht, verkennt Lloyds künstlerischen Ansatz. Ihm ging es seit jeher nicht um Aneignung, sondern um Zuhören als Lebensform. Schon in den Fünfzigerjahren faszinierte ihn die Musik von Ravi Shankar und Alla Rakha; Jahrzehnte später mit dessen Sohn musizieren zu können, wirkt wie eine jener biografischen Fügungen, die sich nicht erfinden lassen.
Ein Gespräch, das man mithören darf
Gespräch ist das treffende Bild für diese Musik. Lloyd spielt mit beinahe andächtiger Lyrik. Seine Saxofone und die Flöte entfalten keine Soli im klassischen Sinn, sondern lange, atmende Melodiebögen, die eher fragen als behaupten. Sein vokaler Ton verbindet die modale Offenheit des Jazz der Sechziger mit den melismatischen Linien indischer Gesangstraditionen. Über die gesamte dynamische Spannweite hinweg – vom kaum hörbaren Hauch bis zum warm aufblühenden Klang – bewahrt sein Spiel eine stille, spirituelle Konzentration.
Hussain antwortet mit einer Virtuosität, die nie Selbstzweck ist. Er bewegt sich durch komplexe Tala-Zyklen mit verblüffender Leichtigkeit, lässt feinste Mikrorhythmen, blitzschnelle Fingerwirbel und Anklänge an die Konnakol-Tradition organisch ineinanderfließen. Seine Tabla scheint zu singen, nicht bloß zu schlagen. Harland versteht das Schlagzeug als Klangfarbeninstrument und schafft schwebende Räume, in denen Bansuri und Sarangi ihre weit gespannten Linien entfalten. Immer wieder öffnet Vijay Prakashs Stimme den musikalischen Horizont – dorthin, wo sich Jazz und Raga nicht begegnen, sondern zu einer neuen, gemeinsamen Sprache finden. Nichts drängt, nichts will beeindrucken oder beweisen. Gerade darin liegt die Größe dieses Albums. Sangam & Friends ist kein nachträglich errichtetes Denkmal für Zakir Hussain, sondern das kostbare Dokument eines offenen musikalischen Dialogs. Dass dieses Gespräch heute wie ein Vermächtnis klingt, verleiht ihm eine umso größere menschliche und künstlerische Kraft.
Charles Lloyd – Sangam & Friends (mit Zakir Hussain, Eric Harland u. a.). Blue Note Records, 2026. CD, Doppel-LP und Digital.
