Bison Rouge
Her Salt
TEXT: Stefan Pieper |
Thema Grenzgängerinnen: Es gibt Musikerinnen, die passen in keine Schublade, und gerade das macht sie spannend. Ashia Bison Rouge, bürgerlich Ashia Grzesik, ist so eine. In Polen geboren, in Seattle aufgewachsen, heute in Berlin zu Hause und konsequent selbst produzierend, zieht sie ihr Cello und ihre Stimme durch elektronische, folkige und neoklassische Gefilde – ohne sich für eines davon entscheiden zu wollen. Ihr aktuelles Album „Her Salt" ist genau das: ein Grenzgang, und was für einer.
Ein Cello kann so viel mehr als nur Klassik. Unter Ashia Bison Rouges Händen wird es Rhythmusmaschine, Melodieträger und Geräuschquelle in einem – mal perkussiv gezupft, mal in Loops geschichtet, mal zu flirrenden Flächen aufgetürmt, über denen die eigene Stimme schwebt.
Und es gibt eine Geschichte. „Her Salt" erzählt einen durchkomponierten Märchen-Mythos über Geburt, Verwandlung und Wiederkehr, gespeist aus der Ostsee und den slawisch-baltischen Wurzeln der Künstlerin. Das elektronische „Crown Crescent Moon" lässt die Heldin aus dem Meer geboren werden – ein sogartiger Auftakt. Das titelgebende „Her Salt" kreist um das Finden des eigenen Werts, das instrumentale „Call Through Oceans" und das perkussiv-epische „Burn All My" erzählen vom Überwinden von Widerständen. Hier geht die Sache richtig zu, hier knurrt und treibt das Cello.
Konzept und Sinnlichkeit finden zusammen
Das eindringlichste Stück ist „Death is a Woman in White": eine Geistergeschichte, erzählt von der Babcia, der polnischen Großmutter – jener Moment im Mythos, in dem die verlorenen Geliebten und Feinde begraben werden. Familiengedächtnis als Klang, das berührt. Aus dieser Schwere führt die neoklassische Ballade „Hold and Fall" wieder heraus, ehe der elektronische Popsong „Sometimes at Night" ein neues Leben feiert: Die Protagonistin trifft ihre Bestimmung, die Künstlerin ihre Auflösung. Kreis geschlossen. Was hängenbleibt, ist die Konsequenz, mit der Konzept und Sinnlichkeit hier zusammenfinden. Bison Rouge erforscht ihr Instrument, ihre Herkunft und eine uralte Erzählform zugleich – und macht daraus keine kopflastige Versuchsanordnung, sondern sieben Stücke voller Sog, Wärme und Eigensinn. Großes Kino aus kleiner, selbst gebauter Werkstatt. Reinhören und mitnehmen lassen.
