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Angelika Niescier

Chicago Tapes

Köln, 16.04.2026
TEXT: Stefan Pieper | 

Wer wissen will, wie sich eine Epoche anhört, sollte nicht die Nachrichten einschalten, sondern improvisierte Musik hören. Nachrichten erklären, was passiert. Musik registriert, was es mit uns macht. Angelika Niesciers „Chicago Tapes", erschienen auf dem Intakt-Label, ist ein solcher Seismograf – und die Nadel schlägt gewaltig aus.

Die Kölner Altsaxophonistin, gebürtig im polnischen Stettin und über die Essener Folkwang-Schmiede in die internationale Szene katapultiert, hat feine Sensoren für tektonische Verschiebungen jenseits des Atlantiks. In New York baute sie mit Tyshawn Sorey und Chris Tordini eine Arbeitsachse auf, die ihr 2017 den Albert-Mangelsdorff-Preis einbrachte. In Chicago öffnete der Austausch mit Cellistin Tomeka Reid den Blick auf eine andere, junge Szene-Energie. Nun taucht Niescier vollends ein in das Kraftfeld einer Stadt, deren kollektive Improvisationskultur seit den Tagen der AACM eigenen Regeln gehorcht. Zur Erinnerung: Die 1965 gegründete Association for the Advancement of Creative Musicians war einst die Keimzelle einer afroamerikanischen Avantgarde, die Improvisation als gemeinschaftlichen Akt und zugleich als politische Selbstermächtigung verstand. Dieses Erbe wirkt bis heute nach – und gerade jetzt, in einer Ära des autoritären Rückbaus, wird Chicago wieder zum Resonanzraum eines unbequemen Freiheitsbegriffs.

Radikale Durchlässigkeit

„Rejoice, Disrupt, Resist" heißt der Opener, ein Dreiworte-Manifest, das auch genauso klingt. Niesciers raues Alt und Dave Rempis' ebenso kompromisslose Tongebung stürzen sich von der ersten Sekunde an ineinander, mit einer Dringlichkeit, die aus dem Bauch kommt und nicht aus der Abstraktion. Das ist der entscheidende Unterschied: Dieser Free Jazz lehnt sich auf, bevor er analysiert, und er reagiert sofort, bevor er reflektiert. In einer Großwetterlage, die Abschottung zur Staatsräson erhebt, antwortet dieses Sextett mit radikaler Durchlässigkeit. Grenzen zwischen Komposition und Spontanerfindung, zwischen europäischer und amerikanischer Klangsprache werden für irrelevant erklärt.

Und was für ein Ensemble Niescier dafür zusammengerufen hat! Nicole Mitchell spielt eine Flöte, die innerhalb weniger Takte von Zartheit in Wildheit umschalten kann. Jason Adasiewicz' Vibraphon erweist sich als raffiniert zum Einsatz gebrachter Resonanzraum und effektvoller Gegenpol zu den druckvollen Bläsereruptionen – wo Saxophone und Flöte verdichten und vorwärtstreiben, öffnet sein metallisch nachschwingendes Spiel Luftlöcher im Klanggewebe, durch die das Ensemble atmen kann. Luke Stewart am Bass und Mike Reed am Schlagzeug bilden ein Gespann, das den Puls antreiben und im nächsten Moment aushebeln kann. Niesciers neun Kompositionen schaffen offene Dispositionsräume, in denen jede Stimme Gewicht hat. Wo sich die drei Bläser verflechten, entsteht eine fast greifbare Verdichtung, ein Kollektivorganismus, der sich aufbäumt und wieder löst, ohne seine Spannung preiszugeben.

Ästhetisches Gegengewicht zu den Verhältnissen

Free Jazz als ästhetisches Gegengewicht zu den Verhältnissen kennt man seit den Sechzigern. Selten aber klingt in einer Produktion aus heutigen Tagen diese Haltung so frei von jedem akademischen Sicherheitsnetz und zugleich so hellwach wie auf diesem Album. Der Widerstand steckt in der Form selbst: in der Weigerung, sich auf eine Tonart, eine Hierarchie, eine Herkunft festnageln zu lassen. Dass eine in Köln beheimatete Musikerin diese Botschaft mit dem Kernpersonal der Chicagoer Szene so zwingend formuliert, ist die schönste Pointe dieser Platte und in Zeiten neu hochgezogener Mauern eine ziemlich unüberhörbare.

Angelika Niescier: „Chicago Tapes" (Intakt CD 446)

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