Bild für Beitrag: Albena Petrovic | Escapes
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Albena Petrovic

Escapes

Luxemburg, 17.03.2026
TEXT: Stefan Pieper | 

Albena Petrovic – Escapes

Die luxemburgische Komponistin schickt zwei Pianisten auf Erkundungsreise durch eine Klangwelt, die mit wenig auskommt und doch ungeheuer viel erzählt.

Es beginnt mit fast nichts. Zwei Terzschläge, der zweite verwischt zum Cluster. Pochend, motorisch, dabei merkwürdig offen. Eine Viertelstunde lang entfaltet sich das eröffnende „Concerto for Two Pianos" aus dieser winzigen Keimzelle – und man begreift: Hier geht es nicht um Materialschlacht, sondern um die Kunst, aus dem Wenigen das Maximale herauszuholen. Expansiver Reduktivismus, wenn man so will.

Albena Petrovic, gebürtige Bulgarin, seit den Neunzigerjahren in Luxemburg zu Hause, hat über 600 Werke geschrieben, darunter neun Opern. Beeindruckende Zahlen – die allerdings wenig darüber verraten, wie diese Musik tatsächlich klingt. Wer 2016 das Soloalbum Crystal Dream mit dem Pianisten Romain Nosbaum gehört hat, weiß es: Petrovic betreibt vor allem in ihrer Klaviermusik eine zeitgenössische Kompositionstechnik, die sich anfühlt wie freie Improvisation. Streng in der Form, sinnlich im Klang.

Zehn Jahre später wurde der Rahmen ausgeweitet. Neben Nosbaum sitzt nun der niederländisch-rumänische Pianist Florin Mantale am zweiten Flügel, aufgenommen im Kammermusiksaal der Philharmonie Luxembourg. Und sofort entsteht ein Klangraum, den ein einzelnes Instrument so nie hätte öffnen können. Die beiden ergänzen sich symbiotisch: Wo Nosbaum mit introvertierter Intensität in die Tiefe bohrt, setzt Mantale helle, fast lyrische Akzente dagegen. Keiner begleitet den anderen, keiner spiegelt ihn. Das ist Dialog auf Augenhöhe – getragen von einem gemeinsamen Verständnis dafür, was Klang alles sein kann.

Fünf Stücke umfasst das Album, und jedes öffnet eine andere Tür. In „Sand of Oblivion" ballen sich zwei Töne zu pulsierenden Clustern zusammen, ergänzt durch Klangschalen, Tamburine und perkussive Gesten auf dem Klavierkorpus – das Instrument klingt dunkler und wilder, als man es ihm zutrauen würde. „The Invisible Window", ursprünglich für Klavier und Harfe geschrieben, führt buchstäblich ins Innere der Flügel: Glissandi auf den Saiten, Schläge mit der flachen Hand, Obertonlandschaften, durch die man regelrecht hindurchwandert.

Und dann der Titel, der alles zusammenhält: Escapes. Flucht durchzieht Petrovics Schaffen wie ein roter Faden – nicht als panisches Davonlaufen, sondern als bewusster Aufbruch in eine Welt aus Fantasie und Poesie. Die titelgebenden Miniaturen machen das wunderbar hörbar: expressiv aufgeladene Skizzen, die sich von einer spielenden Hand schrittweise auf vier steigern, bis beide Pianisten gleichzeitig Tasten und Perkussion bedienen. Im letzten Stück wird es melodischer, wärmer, fast zärtlich – als käme die Flucht endlich zur Ruhe.

Genau das tut sie. Die „Exotic Dances" beschließen das Album mit einer Heiterkeit, die nach all der hochkonzentrierten Intensität wie ein Aufatmen wirkt. Als wollte Petrovic sagen: Auch wer tief eintaucht, darf irgendwann wieder auftauchen.

Albena Petrovic: ESCAPES – Music for Piano Duo. Romain Nosbaum & Florin Mantale (Klavier). Solo Musica, 2026.



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