About Aphrodite
Songs without words
TEXT: Stefan Pieper |
Überraschend neue Akzente setzt das Duo About Aphrodite auf seinem aktuellen Album, das Ende Juni auf dem Label Protomaterial Records erscheint. Der Titel Songs Without Words formuliert dabei ein Programm, das sich durch die gesamte Aufnahme zieht. Die Stücke folgen klaren kompositorischen Verläufen und entwickeln erzählerische Bögen, ohne auf Sprache oder Gesang zurückzugreifen. Tatsächlich handelt es sich um Songs im eigentlichen Sinne: musikalische Erzählungen, deren Dramaturgie aus Melodie, Klangfarbe und Bewegung entsteht.
Gilda Razani s Sopransaxophon prägt den Charakter vieler Kompositionen. Ihr Ton bleibt beweglich und klar konturiert, wechselt zwischen virtuosen Passagen und zurückgenommenen, kammermusikalischen Momenten. Dabei entstehen mitunter Klangbilder, die an jene Grenzbereiche zwischen Jazz und Kammermusik erinnern, wie sie etwa von Oregon bekannt sind. Hanzō Wannings Klavierspiel setzt dazu einen warmen Gegenpol: Arpeggien und melodische Figuren strukturieren die Stücke, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.
In mehreren Titeln wird das Duo durch den Perkussionisten Fethi Ak ergänzt. Seine Darbuka, geprägt von türkisch-kurdischen Traditionen, fungiert weniger als antreibendes Rhythmusinstrument denn als klangliche Erweiterung, die den musikalischen Raum differenziert strukturiert. Oft scheint sie die Musik eher zu umwehen als anzutreiben.
Klangräume mit Bodenhaftung
Auffällig ist der Einsatz lyrischer Synthesizerflächen, die den vertrauten Kosmos von About Aphrodite behutsam erweitern. Elektronische Texturen schieben sich unter die akustischen Instrumente, öffnen Perspektiven, ohne den organischen Charakter der Musik zu überdecken. Über weite Strecken liegt über dem Album jene eigentümliche Schwebe zwischen Melancholie und Gelassenheit, die sich jeder einfachen Zuschreibung entzieht. Die für About Aphrodite charakteristischen Weiten sind weiterhin präsent, wirken jedoch stärker in die kompositorischen Verläufe eingebunden als auf früheren Veröffentlichungen.
Dabei kommt Gilda Razani s Theremin eine besondere Rolle zu. Das berührungslose elektronische Instrument erscheint nicht als technische Kuriosität oder spektakulärer Effekt. Vielmehr setzt Razani seine schwebenden Linien mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit in Beziehung zu Saxophon, Klavier und Elektronik. Oft ist das Theremin kaum als eigenständige Stimme auszumachen – und gerade darin liegt seine Wirkung. Es erweitert den Klangraum um eine schwer lokalisierbare Präsenz, die den Stücken zusätzliche Tiefe verleiht. Wo andere das Instrument demonstrieren, musiziert Razani damit.
Mehrere Kompositionen beziehen sich auf Motive und Erzählungen aus dem persischen Kulturraum. „Sartschubeh" verweist auf einen Brauch zur Segnung von Neugeborenen, „Loretta's Sinfonia" orientiert sich an einer Dramaturgie vom ruhigen Beginn zur tänzerischen Verdichtung. „Newrusi Cats" nimmt Bezug auf das persische Neujahrsfest Nouruz, während „Taraneh" einer jungen Iranerin gewidmet ist. Diese kulturellen Bezüge werden nicht programmatisch ausgestellt, bilden aber einen erkennbaren Resonanzraum der Musik.
Musikalische Herkunftsräume begegnen sich mit großer Gelassenheit
Die Stücke entwickeln sich häufig aus sich wiederholenden Motiven und fein verwobenen Texturen. Daraus entsteht eine Musik, die in sich ruht, ohne statisch zu werden. Improvisatorische Linien greifen gelegentlich auf orientalisch geprägte Wendungen zurück, ohne dass daraus Folklore oder Weltmusik-Klischees würden. Von Reife zeugt dabei nicht zuletzt die Gelassenheit, mit der About Aphrodite unterschiedliche musikalische Herkunftsräume miteinander verbindet. Persische Melodik, türkische Rhythmik, europäische Jazzharmonik und elektronische Klanggestaltung begegnen sich hier nicht als dekorative Zutaten, sondern als Bestandteile einer gewachsenen musikalischen Sprache.
Songs Without Words entfaltet seine Wirkung nicht über große Gesten oder dramatische Zuspitzungen, sondern durch Konzentration und Konsequenz. Die Musik bewegt sich zwischen Kammerjazz, elektronischer Klanggestaltung und den musikalischen Traditionen des Nahen Ostens, ohne sich einer dieser Sphären eindeutig zuordnen zu lassen. Gerade in dieser Offenheit liegt ihre Stärke. Die Stücke erzählen ihre Geschichten leise, aber mit Nachdruck – und zeigen eine Formation, die ihren eigenen Ton nicht mehr suchen muss.
