CD-Besprechung

Lee Konitz |

Standards Live! At The Village Vanguard

Text: Klaus Hübner

Kleve, 28.03.2014 | Die Entfernung zwischen Köln und New York beträgt etwa sechstausend Kilometer (Luftlinie). Lee Konitz, in Chicago geboren und viele Jahre im Big Apple zuhause, wo er an den Aufnahmen zu Miles Davis' „Birth of the Cool“ beteiligt war, nahm im Cool Jazz der 1950er Jahre eine bedeutende Stellung ein. Dass er dennoch zwanzig Jahre in Köln lebte (mit der Familie!), schmälert seine Verdienste um den Cool Jazz keineswegs. Doch Konitz blieb nicht in den kühlen Arrangements heimisch, sondern öffnete sein Spiel auch anderen ästhetischen und inhaltlichen Formen. Dabei betrat er – natürlich – auch die Ebene, die mit den Standards des "Great American Songbook" für viele Jazzmusiker als Pflichtprogramm unumgänglich ist. Das war schon immer so und setzt sich in den Köpfen jüngerer Generationen fort. Einer von ihnen, der Kölner Pianist Florian Weber, begleitet mit seinem Trio Minsarah den sehr viel älteren Altsaxophonisten Lee Konitz bereits seit einigen Jahren. 2009 reiste das Trio nach New York, um im altehrwürdigen Village Vanguard wieder einmal mit Lee Konitz zu spielen.

Dass die Standards nicht langweilig und abgenudelt sein müssen, demonstrierte Minsarah und Konitz unter dem Projektnamen „New Quartet“ an zwei Abenden (31. März und 1. April 2009) im Village Vanguard. Die ebenfalls bei Enja Records erschienenen Aufnahmen („Live At The Village Vanguard“, Enja ENJ-9542 2) wurden 2010 veröffentlicht. Aktuell folgen nun die Standards, die das Quartett (mit Jeff Denson am Bass und Ziv Ravitz am Schlagzeug) damals spielten.

Typisch Standards: empfindsam und aufgeschlossenen finden die Musiker ihren Weg durch das festgeschriebene Repertoire, variieren allerdings während der Improvisationen sehr stark die Originale. Lee Konitz breitet während des Vortrages immer wieder neue Ideen aus, die seine jungen Kollegen aufsaugen und gefiltert und verziert wieder zurückgeben. Kompositionen von Cole Porter, Dave Brubeck oder Victor Young/Ned Washington öffnen sich bereitwillig für die Kreativität der Musiker. Was nicht selbstverständlich ist, erweisen sich bei anderen die Standards doch oft als „nur“ interpretiert. Bei Lee Konitz und Kumpane entsteht etwas Neues – mehr kann man nicht erwarten, wenn das für viele als Schreckgespenst auftretende Wort „Standards“ die Runde macht.

Enja Records ENJ-9609 2