Zwischen 85 Sekunden und der Ewigkeit
Ein Bericht vom 13. Klangzeit-Festival in Münster
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Stefan Pieper
Wer an diesem Wochenende, egal ob tagsüber oder mitten in der Nacht, die Dominikanerkirche betritt, fällt aus der Zeit. Eine seltsam schwankende, chromatisch verschobene Tonfolge kreist durch das Kirchenschiff, wieder und wieder, als habe jemand vergessen, sie anzuhalten. Darüber schwingt Gerhard Richters Pendel vor seinen „Zwei grauen Doppelspiegeln“, gelassen, unbeirrbar. Erik Saties „Vexations“ läuft 30 Stunden lang, durch die Nacht bis in den Sonntag hinein. Dutzende Pianistinnen und Pianisten aus dem Münsterland übernehmen im Schichtbetrieb, so beiläufig, dass man die Wechsel kaum bemerkt. Draußen pulsiert die Stadt, drinnen löst sich das Zeitgefühl auf. Allein die Logistik ist eine Meisterleistung.
Am Abend zuvor tickte im Theater im Pumpenhaus eine ganz andere Uhr. Tabea Debus spielte ein Stück von Dani Howard über die Doomsday Clock, deren Zeiger seit Januar auf 85 Sekunden vor Mitternacht stehen – so nah am Abgrund wie nie zuvor. Ewigkeit hier, Countdown dort: Zwischen diesen Zeitbegriffen spannte die 13. KLANGZEIT ihren Bogen.
Der Mut zum Wesentlichen überzeugt in Münster
Ich kenne dieses Festival von Anfang an. Seit rund einem Vierteljahrhundert holen die Gesellschaft für Neue Musik und Kräfte aus der Musikhochschule im Zweijahrestakt musikalische Gegenwart nach Münster – komponiert, improvisiert, quer durch die Disziplinen. „Bridges“ ist hier kein Etikett, das man über ein beliebiges Programm klebt.
Ja, die KLANGZEIT ist geschrumpft. Früher zerstreute sie sich zwei Wochen lang über die halbe Stadt, heute muss knapper kalkuliert werden. Dass das Festival dadurch nichts an Überzeugungskraft einbüßte, bewies das Kuratorenteam mit einem hervorragenden Blick fürs Wesentliche, gepaart mit einer stimmigen Dramaturgie, die sich durch alle Veranstaltungen zog. Herzkammer ist das Theater im Pumpenhaus, dessen Intendant der Neuen Musik zugetan ist – ein Glücksfall. Man isst zwischen den Konzerten zusammen, die Bühne begegnet dem Publikum auf Augenhöhe, und diese herzlich-warme Atmosphäre färbt auf die Musik ab. Mehr braucht es eigentlich nicht.
Stimmen, allein und gemeinsam
Schon der Auftakt setzte ein Ausrufezeichen. Das belgische NADAR ensemble zeigte „Don’t leave the Room“ als deutsche Erstaufführung, eine aufwendig verschränkte Performance um die gehörlose Performerin Elena Evstratova. Was heißt Kommunikation, wenn die Hauptdarstellerin die Musik um sie herum nicht hört? Die Frage blieb nicht abstrakt, sie wurde körperlich.
Am Freitag dann „SOLO“: drei Persönlichkeiten, jede allein mit ihrem Instrument. Für Irene Kurka ist das die eigene Stimme, verbunden mit einer souveränen, natürlichen Bühnenpräsenz. Sie verband Stücke von James Weeks, Jennifer Walshe, Leah Muir und Catherine Kontz zu einem einzigen Bogen. Er begann in feinsten Intervallen, tastend, kreisend, und fand ein Bild, das nachhallt: das Leben, das durch einen hindurchströmt wie ein Fluss durch sein Bett. Dann kippte der Ton ins Hintersinnige, in Miniaturen aus dem digitalen Alltag. Herrlich absurd verhedderte sich Kurka in immer neuen Passwortvorgaben – Großbuchstaben, zwei Zahlen, Auslassungspunkte, ein Rautezeichen –, nur um zu erfahren, dass dieses Passwort bereits verwendet wurde. Die digitale Gängelung, die wir täglich klaglos hinnehmen, geriet zur Groteske. Den Schlusspunkt setzte die Uraufführung von Kontz’ „Taschenstück“. Die luxemburgische Komponistin leiht sich die Rhetorik des politischen Manifests und richtet sie auf einen scheinbar banalen Gegenstand: Taschen, groß genug für Schlüssel, Geld, Notizbuch und eine eigene Meinung. So wird hörbar, wie tief der moderne Mensch in die Welt der beweglichen Kleinteile verstrickt ist. Witz und Intellekt begegnen sich hier auf Augenhöhe. Laute, Tremoli, Wortkaskaden – und das ohne Mikrofon. Kurka braucht keinen Verstärker oder sonstigen Schnickschnack, um einen Raum zu füllen.
Jan Gerdes führte am Flügel in afrikanische Gegenwartsmusik ein, hochkonzentriert, agogisch atmend, rhetorisch zugespitzt. Tabea Debus ließ Jahrhunderte ineinanderfallen: War nicht auch Telemann einmal Zeitgenosse? Das Doomsday-Stück zündete sie als tonal-modales Staccato-Feuerwerk, und am Ende swingte die Blockflöte sogar im Bebop.
Später am Abend unterlegte die junge iranische Komponistin Aida Shirazi die Tanzperformance des MNEME Kollektivs mit tiefdunkler, dystopischer Elektronik. Tags darauf tauchte dieselbe kompositorische Handschrift in ihrer Uraufführung für großes Ensemble wieder auf, nun als leises, fast scheues Leuchten.
Herrschaftsfreiheit in Großbesetzung
Was geschieht, wenn Jazzmusiker komponieren? Diese Frage trug den Samstagabend, an dem das Münsteraner Ensemble consord und The Dorf unter dem Motto „ENSEMBLE“ zusammenfanden. George Lewis war eigens angereist: Posaunist, Komponist, Musikwissenschaftler und seit 1971 Mitglied der Chicagoer AACM, in der afroamerikanische Musikerinnen und Musiker aus dem Jazz heraus ihre eigene Avantgarde schufen. Seine neue „Fanfare for the Multiverse“ eröffnete, sein großes Werk „Arcades“ beschloss den Abend. Dazwischen Anthony Braxtons „Ghost Trance Music“, deren pulsierende Linien wie ein merkwürdiges Perpetuum mobile vorwärtsdrängten, und Uraufführungen von Ulrich Schultheiß und Aida Shirazi. Offene Formen, in die Improvisation und kollektive Entscheidungen eingewoben sind – das passt zu consord und seinen flachen Hierarchien. Zum Schluss stießen Jan Klare und Musiker von The Dorf hinzu, und die Klangteppiche, die nun durchs Pumpenhaus wogten, hatten physische Wucht. Herrschaftsfreiheit und strenge Form schließen einander nicht aus. Sie bedingen einander.
Und die freie Improvisation? Die hat in Münster Tradition, nicht zuletzt dank des Gitarristen Erhard Hirt, der auch die monatliche Blackbox-Reihe kuratiert. Im zweiten Nachtkonzert traf er auf seinen Weggefährten Axel Dörner sowie auf die Schlagzeugerin Aleksandra Rzepka und die Flötistin Zofia Ilnicka aus Polen. Man musste sich hineinhören, dann entstand ein hypnotischer, sinnlicher Sog. Dörners mechanisch aufgerüstete Trompete und Hirts Gitarre, beide von Live-Elektronik ins Monumentale gesteigert, führten einen Dialog, bei dem kaum auszumachen war, wo der Mensch aufhört und die Maschine beginnt.
Auch nach draußen führten Brücken: Am Hawerkamp durfte das Publikum in Albrecht Ferschs Installation „Murmuration“ einem zerlegten Klavier Klänge entlocken, und am Sonntag schwärmten 111 Radfahrende mit Mauricio Kagels „Eine Brise“ durch die Stadt. Das Ensemble Gegenwind schließlich lud die Jüngsten zur Performance „Mein kleiner Wald“ ein, um Naturklänge mit zeitgenössischer Musik kurzzuschließen und so das Staunen zu lehren.
Klein aber fein...weiter so!
Die KLANGZEIT ist kein Marathon, eher ein konzentrierter Lauf mit klugem Kopf. Wo sich Festivals für komponierte und für improvisierte Musik sonst säuberlich voneinander abgrenzen, finden hier beide unter einem Dach zusammen. Vielleicht ist das die wichtigste Brücke von allen. Am Ende bleibt die Gewissheit: Musik der Gegenwart lebt, allen widrigen Bedingungen zum Trotz.
Münster hat ein gewisses Inseldasein – etwas abseits der weiten Metropolregion Ruhr. Dabei ist es auch nicht mehr als eine knappe Stunde Fahrt – die kleine Reise lohnt sich nach hierhin, vielleicht schon für Interessierte im November wieder: Da geben Irene Kurka (7.11.) und Tabea Debus (21.11.) Workshops an der Musikhochschule Münster.
























