Legenden zwischen Kornfeldern
Noch mehr Konzerteindrücke aus Ystad
TEXT: Uwe Bräutigam | FOTO: Uwe Bräutigam
Das Ystad Sweden Jazz Festival zeigte auch in diesem Jahr die ganze Spannbreite einer Musik, die sich nicht auf einen Stil festlegen lässt. Junge Musiker, eine schwedische Piano-Legende und eine Band aus der Frühzeit des Progrock standen für drei sehr unterschiedliche Generationen und musikalische Ansätze – verbunden durch die Offenheit für Improvisation und die Lust, Grenzen zwischen den Genres zu überschreiten. Bei drei Konzerten standen Musiker und Bands mit ganz unterschiedlichen Geschichten im Mittelpunkt: die junge Formation Naima mit ihrem „Tribute to John Coltrane“, die schwedische Piano-Legende Bobo Stenson und die legendäre schwedische Jazz- und Progrockband Kebnekajse.
NAIMA – EIN ERFRISCHENDES TRIBUTE TO JOHN COLTRANE
Das Ystad Festival ist für seine besonders stimmungsvollen Spielorte bekannt. Auch das Konzert der Gruppe Naima fand an einem außergewöhnlichen Ort statt. Einige Kilometer außerhalb von Ystad, im kleinen Örtchen Hammenhög, wurde das Konzert in Kooperation mit dem Tingshuset 1881 veranstaltet. Das fast 150 Jahre alte Gebäude besitzt einen traumhaften Garten, von dem aus der Blick weit über die angrenzenden Kornfelder reicht. In den Räumen und im Garten wird regelmäßig Kunst ausgestellt.
Der Veranstaltungsort allein ist schon zauberhaft. Dazu großartige, frische Jazzmusik einer jungen Band – mehr geht kaum. Naima, benannt nach dem berühmten Coltrane-Stück „Naima“, das seiner damaligen Frau gewidmet ist, spielt erst seit einem halben Jahr zusammen. Das Sextett hat sich an der Musikfolkhögskola Bollnäs nördlich von Stockholm gegründet. Die gemeinsame Liebe zur Musik John Coltranes stand Pate bei der Gründung. Der Respekt vor seinen zeitlosen Kompositionen hielt die jungen Musiker allerdings nicht davon ab, ihren ganz eigenen Weg zu gehen. Ihre Improvisationen sind deutlich vom nordischen Jazz geprägt.
Eine besondere Musikanlage gab es im ausverkauften Tingshuset nicht. Das wurde allerdings durch die Spielfreude und das Können der jungen Musiker mehr als wettgemacht. Schon mit dem ersten Stück, „The Night Has a Thousand Eyes“, zeigte die Band ihr erstaunliches musikalisches Niveau. Leider litt die Sängerin Vide Rosén Wicklund unter einer Halsentzündung und konnte deshalb nur bei wenigen Stücken singen. Ihre stimmlichen Qualitäten zeigten sich besonders bei „Afro Blue“, dem Klassiker von Mongo Santamaria.
Den rhythmischen Kern der Band bilden der treibende Bass von Arvid Lindström und das Schlagzeug von Frans Lekberg. Johan Selin an der Gitarre und Robin Wickgren am Piano sorgen für die melodische Seite. Am Tenorsaxofon war kurzfristig Joel Timm aus Skåne eingesprungen, der sich hervorragend in die Band einfügte. Die einzelnen Musiker überzeugten mit hervorragenden Soli. Besonders bemerkenswert war jedoch das Zusammenspiel der gesamten Band.
Das Programm bot eine gelungene Mischung aus Klassikern wie „Naima“ und „My Favorite Things“ und weniger häufig gespielten Stücken wie der Ballade „After the Rain“, „Equinox“ und „Mr. Day“. Das Publikum war begeistert von der Frische und Spielfreude dieser jungen Musiker. Ein Tribute, über das sich John Coltrane irgendwo da oben sicher gefreut hätte.
PIANO-LEGENDE BOBO STENSON IM YSTAD THEATER
Auch der Konzertort des Bobo Stenson Trios ist eine historische Perle: ein Theater aus dem Jahr 1894, das innen wie außen den Geist des 19. Jahrhunderts atmet. Ein besonderer Spielort für eine besondere Band. Der Pianist Bobo Stenson spielte das ausverkaufte Konzert vier Tage vor seinem 82. Geburtstag. Er blickt auf eine mehr als 60-jährige Karriere zurück. Bekannt wurde der vielfach ausgezeichnete Pianist unter anderem durch seine Zusammenarbeit mit Jan Garbarek und durch zahlreiche Produktionen für ECM.
Als Stenson die Bühne betrat, sah man ihm sein Alter durchaus an. Doch sobald seine Finger die Tasten berührten, war da wieder jener Bobo Stenson, den man seit Jahrzehnten kennt: gefühlvoll und lyrisch, zugleich aber auch bei schnellen Uptempo-Stücken von einer erstaunlichen Leichtigkeit. Passagen, die selbst für deutlich jüngere Pianisten eine Herausforderung wären, spielte er scheinbar mühelos.
Das Bobo Stenson Trio besteht seit 2008. Am Bass spielt Anders Jormin, am Schlagzeug Jon Fält. Drei Musiker, die auf Augenhöhe miteinander musizieren. Anders Jormin, ebenfalls ein langjähriger ECM-Musiker, gehört zu den herausragenden Bassisten Europas. Sein Bass ist melodisches Instrument und weit mehr als ein Taktgeber. Neben Bobo Stenson war es vor allem Jormins Spiel, das dieses Konzert zu einem außergewöhnlichen Erlebnis machte. Stenson und Jormin standen ständig in Blickkontakt, nahmen die Impulse des jeweils anderen auf und entwickelten die Musik daraus weiter.
Auch Jon Fält setzte am Schlagzeug immer wieder herausragende Akzente und gab dem Trio die notwendige rhythmische Spannung. Ein Teil des Programms stammte aus dem 2023 erschienenen Album „Sphere“. Zu erleben war großer, aktueller schwedischer Jazz – und ein Bobo Stenson, der eindrucksvoll zeigte, dass musikalische Ausdruckskraft keine Frage des Alters ist. Das Publikum feierte ihn überschwänglich.
KEBNEKAJSE – SCHWEDISCHE PROGRESSIVE- UND JAZZROCK-LEGENDE
Kebnekajse wurde 1971 während der Explosion des Progressive Rock gegründet. In Schweden war der Begriff „Progressive Rock“ damals allerdings vor allem politisch geprägt und weniger eine eindeutige Beschreibung der Musik. Kebnekajse verband schwedische Folklore mit Jazz, afrikanischen Einflüssen und Rockelementen. Von 1971 bis zum Ende der 1970er-Jahre war die Band erfolgreich aktiv. Mit dem Abklingen der Progrock-Welle löste sie sich zunächst auf.
2001, mit dem wiedererwachten Interesse am schwedischen Jazzrock der 1970er-Jahre, kam es zur Reunion. Seitdem gibt Kebnekajse wieder Konzerte. 2012 erschien mit „Aventure“ zudem ein neues Album. Das Konzert in Ystad fand in Kooperation mit der Solhällan in Löderup statt. Auch dieser Spielort ist bemerkenswert: Die Solhällan ist ein runder Holzbau mit einem Kuppeldach, das an ein Zirkuszelt erinnert. Wie das Tingshuset verfügt auch diese Halle über einen großen Garten, der zum Aufenthalt vor und nach dem Konzert einlädt.
Bis auf den Schlagzeuger Frank Sanderson sind Kenny Håkansson an der Gitarre, Mats Glenngård an der Violine und Göran Lagerberg am Bass allesamt Gründungsmitglieder der Band, die nach Schwedens höchstem Berg benannt wurde. Um es vorwegzunehmen: Man sah den Musikern ihr fortgeschrittenes Alter an. Ihre Musik dagegen war großartig – und kein bisschen altbacken.
Mats Glenngård an der Violine und Kenny Håkansson an der Gitarre prägen den Sound der Band. Die Musik ist fast vollständig instrumental. Eine Ausnahme bildet ein traditionelles Lied der Samen, das Håkansson vorträgt. Das melodische Rückgrat bilden schwedische Volksweisen, über die jazzig und rockig improvisiert wird. Dabei kommen die unterschiedlichsten Einflüsse zusammen. Americana-Anklänge erinnern etwa an Calexico, dazu kommen psychedelische Elemente, die an Pink Floyd denken lassen.
Schlagzeuger Frank Sanderson unterlegt die Musik teilweise mit harten Beats, die an die rockige Frühzeit der Band erinnern. Tanzlieder und Polkas werden von Gitarre und Geige in Musik verwandelt, die ebenso gut in einem Italo-Western hätte erklingen können. Das Besondere an Kebnekajse ist dabei nicht allein die technische Versiertheit der Musiker. Entscheidend ist, dass es ihnen gelingt, diese unterschiedlichen musikalischen Einflüsse zu einer stimmigen eigenen Sprache zu verbinden. Kebnekajse macht absolut ihr eigenes Ding: kein Jazz, kein Folk und kein Rock – aber von allem etwas.
Auch dieses Konzert bereitete dem Publikum sichtlich viel Freude und war eine echte Bereicherung für das Ystad Sweden Jazz Festival. Es zeigte einmal mehr, wie weit der Begriff Jazz gefasst werden kann – und wie spannend es ist, wenn Musiker ihre ganz eigenen musikalischen Wege gehen.

















