Klänge der Freude
Bericht vom 46. Bergamo Jazz
TEXT: Christoph Giese | FOTO: Gianfranco Rota/Bergamo Jazz Festival
Was für eine Klangmalerei. Wenn Danilo Pérez, John Patitucci und Brian Blade miteinander musizieren, dann ist da einfach dieses blinde, telepathische Verständnis dank der jahrelangen Zusammenarbeit. Da können Pérez mit einer musikalischen Idee und die anderen beiden wissen sofort was damit anzufangen und es entsteht Magisches daraus. Natürlich gibt es an diesem Abend im randvollen, wunderschönen Teatro Donizetti, dem in den 1780ern schon erbauten Opernhaus im Herzen von Bergamo, Vorlagen, nämlich Stücke aus dem Repertoire, dass die langjährige Begleitband von Wayne Shorter mit eben diesem gespielt hat. „Legacy of Wayne Shorter“ ist ja auch die Überschrift zu diesem Konzertabend. Als Special Guest dabei: Ravi Coltrane, Sohn einer weiteren Jazzsaxofon-Legende. Es ist ein zauberhaftes Konzert, denn man spürt die enge Verbindung des Trios untereinander in jedem Moment. Und Coltrane fügt sich da mit schönen Linien durchaus gut ein. Als am Ende noch Joe Lovano einsteigt und alle beim Shorter-Klassiker „Witch Hunt“ nach vorne preschen, hebt das Ganze richtig ab.
US-Saxofonist Joe Lovano ist nun im zweiten Jahr künstlerischer Leiter von Bergamo Jazz und hat zusammen mit Roberto Valentino das Programm gestaltet. Und er greift bei vielen Konzerten selbst zum Instrument um für eine oder zwei Nummern einzusteigen. Und ja, es treten viele amerikanische Künstler auf. Unmittelbar vor dem Shorter-Tribut etwa das Lux Quartet von Pianistin Myra Melford und Schlagzeugerin Allison Miller, zu dem noch Saxofonist Dayna Stephens und Bassist Nick Dunston gehören. Eine Band, die einen zugänglichen, einfallsreichen und herrlich leichtfüßigen Avantgarde-Jazz spielt.
Sound of Joy
„Sounds Of Joy“ ist das diesjährige Festivalmotto. Joe Lovano hat ein eigenes Trioalbum aus den frühen 1990er Jahren so betitelt. Und viele Auftritte in Bergamo vermitteln auch diese „Klänge der Freude“. Die „Fearless Five“ um Trompetenlegende Enrico Rava zum Beispiel. Der 85-jährige Italiener hat vier junge, furchtlose und hoch talentierte Landsleute um sich geschart und agiert mittendrin als Fixpunkt, der kommentiert, das Geschehen dirigiert, aber den jungen Himmelsstürmern wie der Schlagzeugerin Evita Polidoro und vor allem dem fantastischen Posaunisten Matteo Paggi immer wieder viel Raum lässt um sich eindrucksvoll ins Rampenlicht zu spielen. Auch die amerikanische All-Star-Band The Cookers verbreitet Freude im Theatersaal mit ihrer Musik, auch wenn nicht alles komplett rund läuft bei ihrem Konzert. Was schon ein wenig verwunderte, sind die beiden Trompeter Eddie Henderson und David Weiss, die Saxofonisten Azar Lawrence und Donald Harrison, Pianist George Cables, Bassist Cecil McBee und Drummer Billy Hart doch eine eingespielte, langjährige Working Band. Dennoch, ihr vitaler, von Billy Hart am Schlagzeug wundervoll zusammengehaltener und unermüdlich nach vorne getriebener, eingängiger Mainstream Jazz ist einfach ein Hörschmaus, von dem man gar nicht genug bekommen kann.
Bergamo Jazz macht auch deshalb so viel Spaß weil es zauberhafte Spielstätten in der ganzen Stadt nutzt, sowohl in der Unterstadt als auch in dem auf einem Hügel über Bergamo thronenden, historischen Herz der Stadt, der „Città Alta“ (Oberstadt). Auch dort gibt es mit dem Teatro Sociale ein wunderschönes Theater aus dem frühen 19. Jahrhundert. Was für ein Ort für US-Sängerin Lizz Wright, die sich mit einer unglaublichen Lässigkeit und scheinbar völlig unangestrengt mit ihrer reifen, volltönenden Stimme mühelos durch Soul, Gospel, Blues, Jazz und Songer-Songwriter-Pop bewegt.
Und dann gibt das Festival Projekten einen Raum, bei denen sich junge, heimische Jazztalente wie die sogar aus Bergamo stammende Francesca Remigi oder auch Michelangelo Scandroglio in internationale Bands eingebunden in Bergamo zeigen können. Die Schlagzeugerin im mit gleich drei Italienern besetzten Dialect Quintet des britischen Pianisten Alexander Hawkins und der Bassist im Quartett La Via Del Ferro, mit dem britischen Saxofonisten Alex Hitchcock und der italienischen Pianistin Maria Chiara Argirò. Zwei britisch-italienische Bands, die mit Frische und innovativer Kraft die aktuelle Jazzszene absolut bereichern.
Die Grande Dame des Jazzgesang die diesjährige Festivalausgabe im einmal mehr prall gefüllten Teatro Donizetti beschließen zu lassen, besser hätte man das nicht kuratieren können. Denn Dianne Reeves hat einfach alles um zu begeistern. Eine Riesenstimme, mit der sie Silben modulieren kann wie sie möchte, und eine warme Ausstrahlung, mit der sie sofort einen Zugang zum Publikum findet. Was für ein schöner Schlusspunkt in einer absolut schönen Stadt, die sich selbst als Kreuzung von Geschichte und Kultur sieht. Was man bei den Besuchen in den altehrwürdigen Spielstätten schon am Eingang spürte, trug das Personal doch lange Umhänge, die sofort an die Zeiten des 19. Jahrhunderts erinnerten, als der weltberühmte Sohn Bergamos, Gaetano Donizetti, lebte und seine Opern schrieb.